„Sprachrohr“ der Opfer

Wiesbaden . Bis auf den letzten Platz war die Villa Clementine besetzt, und für diejenigen, die keinen freien Stuhl mehr gefunden hatten, wurde der Ton ins Literaturhaus-Café übertragen: Die Auschwitz-Überlebende Trude Simonsohn erzählt aus ihrem Leben und stellt mit der Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth ihr neues Buch vor: „Noch ein Glück“.

Die Veranstaltung, eine Kooperation von „Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte“, dem Kulturamt und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, erweckte manchmal den Anschein, ein Kreis von Freunden und Kennern der Lebensgeschichte der Zeitzeugin habe sich getroffen.

In stoischer Ruhe saß die 94-jährige Trude Simonsohn auf dem Podium des Wiesbadener Literaturhauses und erzählte aus ihrem Leben. Völlig unaufgeregt und routiniert schildert die in Mähren (heute Tschechische Republik) geborene Jüdin die Zeit von der Verhaftung 1942, bis zur Befreiung aus dem Konzentrationslager Merzdorf, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen. Nach ihrer Verhaftung hatte sie zunächst sechs Monate in einer Todeszelle verbracht, bevor sie ins Ghetto Theresienstadt verschleppt und von dort dann nach Auschwitz deportiert wurde.

Sie habe viele „Chancen“ gehabt, tot zu sein, sagte sie und erzählte dabei von Begegnungen mit Menschen, die ihr halfen, nicht nur Auschwitz, sondern die gesamte Nazizeit zu überleben. Wie und warum sie überlebte und was es braucht, damit solche Verbrechen nicht mehr geschehen würden, möchte sie seit vielen Jahren den Menschen zurufen. Das sei sie den Millionen Toten schuldig. Für sie spreche sie, sei ihr Sprachrohr.

Das macht die in Frankfurt lebende „Zeugin der großen politischen Verwerfungen im 20. Jahrhundert“ nun schon seit den 70er Jahren. Unermüdlich reist sie durchs Land und schildert, vor allem Schülern, ihre schrecklichen Erlebnisse. Damit nichts vergessen wird.

Und genau das sei auch der Grund, warum sie zusammen mit der Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth, die mit auf der Bühne saß, ein Buch geschrieben habe. „Noch ein Glück“ ist der Titel dieser Erinnerungen. Es sei wichtig, diese aufzuschreiben, betonte Elisabeth Abendroth, denn nur die Überlebenden des Holocaust könnten berichten, wie es wirklich war.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 11.09.2015, Seite 20

Von Richard Lifka

Mit Wölbbrettzither und Klangschalen

DICHTKUNST Haiku-Abend in der Mediathek

Nicht nur Stadtrat Helmut Nehrbaß, der die Grußworte und einen Scheck des Magistrats der Landeshauptstadt überbrachte, war erstaunt über die große Anzahl der Besucher. Auch die Veranstalter selbst. Trotz des sommerlichen Samstagabendwetters und des Champions League-Finales im Fernsehen, mussten noch schnell zusätzliche Stühle herbeigeschafft werden.


Viele hatten den Weg in Wiesbadens neue Mauritius-Mediathek gefunden, um sich in fernöstliche Atmosphäre durch Musik, Gesang und Gedichtsvorträge entführen zu lassen. Anlässlich der Tagung der Deutschen Haiku-Gesellschaft in der Jugendherberge hatte die Wiesbadener Gruppe rund um die emeritierte Professorin der Fachhochschule, Rita Rosen, diesen Abend organisiert und liebevoll gestaltet.

Gedichte und Musik

Die Veranstaltung war in drei Blöcke aufgeteilt. Zunächst trugen die Haijin (Haiku-Autoren) jeweils vier ihrer dreizeiligen „scherzhaften Verse“ zwei Mal vor. Jeder leitete seine Gedichte durch drei Schläge auf ein Klanginstrument (Klangschale, Zimbel, Gong) ein und beendete sie ebenso.

Die Mediatheksleiterin Irene Friedrich-Preuß begann unter dem Titel „Universum“, gefolgt von Werner Henz („Himmelserscheinungen“) und Hildburg Türke („Die Rosen blühen“). Mit der traditionellen und heute noch gepflegten japanischen Kunst des Kaiserhofes, dem Spiel der Koto, einer mit 13 Saiten bespannten und über 1,80 Meter langen Wölbbrettzither, meisterhaft beherrscht von Miyoko Oshima, wurde der nächste Block eingeleitet. Renate Thümler („Haikus zum Schmunzeln“), Michael Ziesner („Jahreszeiten“) und Rita Rosen („Ansichten von Wiesbaden“: „Wiesbaden du Schöne – drei Lilien im Haar – gleichst einer Geisha“) gestalten den zweiten Teil, bevor sich alle im Kreise aufstellten, zusammen mit dem jeweiligen Klanginstrument weitere selbst geschriebene Haikus vortrugen.

Das alles hinterließ einen sehr harmonischen, ruhigen und entspannten Eindruck, auch wenn es wohl für den einen oder anderen das erste Mal war, dass er seine Werke öffentlich las. Zum Ausklang spielte und sang Miyoko Oshima drei Lieder mit den Titeln „Regenpfeifer“, „Kirschblüte“ und „Der Flaschenkürbis“ – sehr gekonnt und variantenreich, vielleicht etwas zu lange.

Warum die Harmonie des Abends immer wieder durch Probleme mit einem sich verselbstständigenden Mikrofonständer unterbrochen werden musste, ist unverständlich, wo man doch gerade in einer Mediathek davon ausgehen sollte, dass jemand mit der Funktionsweise eines derartigen Gegenstandes vertraut ist. Dies verdarb aber weder dem Publikum noch den Haiku-Künstlern den Spaß und Genuss.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 08.06.2015, Seite 18

Was war, was ist, was kommt

PRESSECLUB Staatstheater-Intendant Uwe Eric Laufenberg steht Rede und Antwort

WIESBADEN. Seit Beginn dieser Spielzeit ist Uwe Eric Laufenberg Intendant des Hessischen Staatstheaters. Auf Einladung des Presseclubs kam er in die Villa Clementine, um Moderatorin Viola Bolduan über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges Rede und Antwort zu stehen. Zunächst ging es um die viel diskutierten neu gestalteten Programmhefte und Flyer (Farbe und Tiere). Sie hätten genau das erreicht, was ihre Aufgabe sei: durch den Wiedererkennungseffekt wahrgenommen zu werden. Weitaus kontroverser wurde die Diskussion über Aufführungen und neue Konzepte geführt und diese wären, so Laufenberg, dennoch oder gerade deswegen, stets ausverkauft. Die Wiesbadener seien zwar leicht zu erregen, dann aber aufgeschlossen, heiter und zum Umdenken bereit.

Über 900 Vorstellungen

Wie viel Spaß es dem 1960 in Köln geborenen Schauspieler und Regisseur macht, über sich, sein Theater und seine Pläne zu sprechen, erkannten die Mitglieder des voll besetzten Presseclubs sofort. Aber man spürte auch die Routine und die schauspielerische Begabung, mit der er jede Frage offen, wohl formuliert und ausführlich beantwortete. Stolz sprach er von den über 900 Vorstellungen einer Spielzeit oder der großen Generationsspanne, die das Theater erreicht, vom achtjährigen Schüler bis hin zu Senioren.

Zu den einzelnen Sparten befragt führte er aus, dass das neue „Konzept der Serie“ im Opernbereich, also Aufführungen von aufwendigen Produktionen dicht aufeinanderfolgen zu lassen und nur eine begrenzte Zeit zu spielen, zunächst zwar kritisch betrachtet wurde, nach und nach aber vom Publikum angenommen werde. Auf alle Fälle sei dies sinnvoll. Das Theater spare Ressourcen im Bereich der Technik, was wiederum Kosten senke, gleichzeitig würde die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit permanent hochgehalten und somit zu einer über 90-prozentigen Auslastung führen. Im Schauspiel müsse man die Idee der Themenprojekte neu überdenken, genauso wie das Konzept der Wartburg, wo die Abkehr vom reinen Unterhaltungstheater noch nicht gelungen sei. Um das zu verbessern, sind zwei große Produktionen geplant, von denen er sich viel verspricht.

Die Neuausrichtung des Balletts und die Zusammenarbeit mit dem Darmstädter Theater seien gelungen, „Aschenputtel“ sei immer ausverkauft. Dies ist ein Grundstock, um die Anzahl der Ballettaufführungen in der nächsten Spielzeit zu erhöhen. Für den Anfang schon viele Veränderungen, aber Theater müsse sich bewegen, müsse stets etwas mit den Menschen zu tun haben. Das sei sein Bestreben.

Bauliche Veränderungen

Damit dies weiterhin gelingt, müssten noch viele Dinge in Angriff genommen werden, wie zum Beispiel bauliche Veränderungen: ein Aufzug im Großen Haus, damit der dritte Rang leichter zu erreichen ist oder im Foyer, um die lästige Schlangenbildung zu vermeiden. Aber auch im Verwaltungsbereich müsse neu gedacht werden. Die Form der Kameralistik, nach der das Staatstheater geführt werde, sei veraltet und müsse durch ein neues, auf wirtschaftlicher Grundlage basierendes System ersetzt werden. Etwa wie bei einer GmbH. Dies hoffe er mit dem zukünftigen neuen Verwaltungsdirektor in Angriff nehmen zu können und, und, und.

Lang ist die Liste, was zu tun ist, was ansteht, aber auch was bevorsteht. Im nächsten Monat die Maifestspiele, danach die Hessischen Theatertage und Anfang der Spielzeit 2016/17 die Biennale.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 16.04.2015, Seite 20
Von Richard Lifka

Kein Ochs und kein Esel vor der Krippe

VILLA CLEMENTINE Tierkrimiautor Markus Bennemann zu Gast beim Wiesbadener Presseclub / Kreativität und Lernfähigkeit

WIESBADEN. Wie alle Jahre wieder begrüßte Feuilletonchefin Viola Bolduan die Mitglieder des Wiesbadener Presseclubs und moderierte gleichzeitig die letzte Veranstaltung des Jahres. Wobei die Moderation an sich schon ein Kunstwerk war, wie so mancher Zuhörer bei der Verabschiedung nicht umhin kam zu bemerken.
Keine leichte Aufgabe
Es war keine leichte Aufgabe, einen so vielseitigen Gast wie den Wiesbadener Markus Bennemann vorzustellen und zu würdigen. So ist er unter anderem Journalist, Übersetzter, Biologe, Autor und Krimiautor, genauer gesagt: Tierkrimiautor. Das war dann auch das Thema des Abends, eine Woche bevor Wildbraten und Weihnachtsgans auf den Tisch kommen. Zur Einstimmung verlas Bennemann eine Kolumne, die er im Wiesbadener Kurier veröffentlicht hatte, und Nachdenkliches über die sich in der Landeshauptstadt angesiedelten Nilgänse ausführte.
Merkte man hier schon die Gabe des Autors, sich in die Tiere einzufühlen, so wurde dies im zweiten Lesepart deutlich. In einem Kapitel aus seinem ersten Kriminalroman „Adlerblut“ wird aus Sicht des Adlerweibchens erzählt, wie es sich um das Nest, das Junge, sorgt, wie es dafür kämpft, damit der Nachwuchs am Leben bleibt. Ziemlich schlecht kommt dabei der Terzel weg, also das Adlermännchen. Als emanzipierte Adlerdame weist sie ihren Gatten zurecht, zeigt ihm, wo es langgeht und könnte eigentlich auf ihn verzichten, wenn sie ihn nicht für die Jagd auf die großen bunten Tiere benötigte.
War das für manchen eine zu starke Vermenschlichung, so unterstreicht es aber Bennemanns Anliegen. Einerseits in Kriminalromanen unterhaltsam Wissen über Tiere und ihr heutiges Leben vermitteln, andererseits auf die veränderten Lebensbedingungen in Flora und Fauna aufmerksam machen, wie etwa in seinem Video-Bericht über die Luchse in der Fasanerie und die Rückkehr schon fast ausgestorbener Arten. Gleichzeitig betont er, dass der Unterschied zwischen Tier und Mensch gar nicht so groß sei, wie es früher immer behauptet wurde.
Wie kreativ und lernfähig Tiere sind, kann man in seinem Buch „Im Fadenkreuz des Schützenfischs. Die raffiniertesten Morde im Tierreich“ nachlesen. Da gab es noch reichlich zu erzählen, doch die Zeit verging wie im Fluge, sodass am Ende der Moderatorin nichts übrigblieb, als darauf hinzuweisen, dass zwar „Ochs und Esel mehr als Weihnachtsgeschichte können“, sie erst viele Hundert Jahre nach Christi Geburt „dazu“ erfunden wurden und dass im Lukas-Evangelium, das uns ja die Weihnachtsgeschichte erzählt, kein Ochs und kein Esel im Stall vor der Krippe stehen.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.12.2014, Seite 22
Von Richard Lifka

Krimi-Autor mit Anrecht auf Einzelzelle

 

RHEINGAU-LITERATUR-FESTIVAL Ulrich Wickert zu Gast auf Schloss Johannisberg / Lesung aus „Das marokkanische Mädchen“

So sehr der Moderator Heiner Boehncke auch insistierte, endlich mal einen Hamburg-Krimi von Ulrich Wickert lesen zu dürfen, blieb der Autor dabei: Seine Kriminalromane sind in Frankreich angesiedelt und werden es weiterhin sein. Genauer gesagt: Paris. Warum auch nicht. Lebte der Gast beim diesjährigen Rheingau Literatur Festival nicht nur viele Jahre in Paris, leitete lange Zeit das Pariser ARD-Studio, gilt als ausgesprochener Frankreichkenner und erhielt 2005 den Titel „Offizier der französischen Ehrenlegion“. „Was den Vorteil hat, wenn ich mal ins Gefängnis muss, das Anrecht auf eine Einzelzelle zu haben und mir mein Essen aus einem Restaurant bringen lassen kann“, so Wickert über diese Auszeichnung.

Ulrich Wickert

Aber es sprächen noch weitere Gründe für den Handlungsort Paris. So sei die Kriminalität in Deutschland eher mittelmäßig im Vergleich zu Italien mit seiner Mafia und Frankreich mit seiner korrupten Regierung. Außerdem gäbe es die Position des Untersuchungsrichters, der uneingeschränkt ermitteln kann. Dies sei für ihn der Ausschlag für seinen Protagonisten Jacques Ricou gewesen. Natürlich konnte die Chance, einen derartigen Kenner unseres westlichen Nachbarn nicht ungenutzt bleiben, um ihn nicht nach den aktuellen Beziehungsproblemen zwischen den beiden Ländern zu befragen. Eine halbe Stunde lang stand der ehemalige Tagesthemen-Moderator Rede und Antwort, bevor er aus seinem neuen Roman „Das marokkanische Mädchen“ vorlas. Fünf Abschnitte bekamen die Zuhörer im voll besetzten „Fürst-von-Metternich-Saal“ zu hören. Fünf Abschnitte, die mit einer Überschrift eingeleitet und jeweils aus einer anderen Perspektive erzählt werden. Da gibt es einen Auftragskiller, einen französischen und englischen Radrennfahrer und einen marokkanischen Kleinkriminellen, der mit Freund, Ehefrau und Tochter unterwegs zu einem Deal ist. Schnell ist klar, worauf das hinauslaufen wird. Bevor die gefesselt zuhörenden Besucher in die Pause gingen, wurden sie Zeugen eines vierfachen Mordes.
Auch im zweiten Teil des Abends ging es wieder um Frankreich. Zur Diskussion stand die unterschiedliche Interpretation des Begriffes Kultur in den beiden Ländern, festgemacht an der Auffassung von Kultur und Zivilisation. Wickerts klare Aussage dazu: „Ein zivilisierter Mensch ist mir wesentlich lieber als ein kultivierter.“ Was dann die Überleitung zu Jacques Ricou bildete, dem Genussmenschen und der Hauptfigur aller fünf Kriminalromane.

Spannende Fragen
Die zweite Textpassage, die Wickert las, stellte den Protagonisten vor, beschrieb ihn bei seinem allmorgendlichen Ritual: Im Lieblingsbistro Zeitung lesen, dabei ein oder zwei noch warme Croissants in den Café au Lait tunken. Wem da nicht sehnsüchtige Bilder in den Kopf kamen? Noch stundenlang hätte man Wickert zuhören können, hätte ihm viele Fragen stellen und vor allem wissen wollen, wie die Kriminalgeschichte sich fortentwickelt. Für Fragen war keine Zeit mehr. Wie es mit dem versteckten marokkanischen Mädchen weitergeht, kann und sollte jeder selbst lesen. Garantiert eine informative und spannende Unterhaltung.

 

Wiesbadener Kurier Rheingau vom 26.09.2014, Seite 22

Kompliziertes Verhältnis

Von Richard Lifka

WIESBADEN. „Frauen wissen, wie sie sich fühlen, wenn sie nicht ganz klar im Kopf sind.“ Mit diesem Statement beendete Rose-Lore Scholz, die Wiesbadener Kulturdezernentin ihre Begrüßungsrede im Literaturhaus Villa Clementine. Nicht nur dieser Satz gab den zum Empfang der diesjährigen Krimistipendiatin Doris Gercke erschienenen Kulturschaffenden und Kommunalpolitikern Rätsel auf. Sicherlich auch die Frage, warum eine gut vorformulierte Rede so unverständlich vorgetragen wird oder auch warum die Dezernentin viermal hocherfreut die neue Leiterin des Fernsehkrimifestivals, Cathrin Ehrlich, begrüßte.
Wohlstrukturierte Fragen

2014 03 Doris Gercke-Artikel

Nun gut, nachdem dies überstanden war, leerten die Gäste die zum Empfang gereichten Gläser und begaben sich in den bis auf den letzten Stuhl gefüllten roten Salon. Angestrahlt von starkem Scheinwerferlicht des Hessischen Fernsehteams, nahmen Doris Gercke und die Moderatorin Margarete von Schwarzkopf auf der kleinen Bühne Platz und schlugen das Publikum in ihren Bann. Die gut formulierten und thematisch wohlstrukturierten Fragen der Moderatorin machten es der Autorin leicht, aufgeräumt und frei zu antworten, sodass sich sofort ein interessantes und unterhaltsames Gespräch entwickelte.
Natürlich ging es hauptsächlich um Gerckes bekannte Romanfigur, die Hamburger Ermittlerin Bella Block und den zuletzt erschienenen Roman „Zwischen Nacht und Tag“ (2012). Die Serie, die 1988 mit „Weinschröder, du musst hängen“ ihren Anfang nahm, sei nun zu Ende, sagte die Autorin, endgültig! Die literarische Bella Block war gemeint, nicht die aus der gleichnamigen Fernsehserie, die wird noch weiter ermitteln. Allerdings hätten beide Figuren (TV und Roman) außer dem Namen, kaum etwas gemein. Die gesamte Biografie, die sich Gercke für Bella Block ausgedacht hat und die in den Romanen immer eine Rolle spielte, sei in den Fernsehproduktionen völlig ausgeblendet. Und dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Zwar ist die Ermittlerin ein rein fiktives Produkt ihrer Erfinderin, aber die Romane als auch die Filme greifen stets hochaktuelle und gesellschaftlich relevante Themen auf und sind in der realen Welt angesiedelt. Nun jedoch sei Bella tot, bestätigte die Autorin, was wahrscheinlich am Ende des Jahres in einem Kurzkrimi aufgelöst werden wird.
Nachdem Gercke einige Passagen aus „Zwischen Nacht und Tag“ vorgelesen hatte, Passagen, in denen nicht ein einziges Mal die Ermittlerin erwähnt wurde, drängte sich die Frage zum Verhältnis Gercke-Block auf. Ein sehr kompliziertes, meinte die Schriftstellerin. Denn Bella gäbe es viermal: einmal als Teil der Autorin, einmal als Roman-, dann aber auch als Fernsehfigur und letztendlich die Schauspielerin Hannelore Hoger, die diese drei Figuren darstelle.
Dass Doris Gercke nicht nur Krimis schreibt, sondern ebenso Kinder- und Jugendbücher, Hörspiele und Gedichte, geht meist bei den Gesprächen unter. Dem zum Trotz las sie zum Abschluss drei amüsant-nachdenkliche Gedichte, die stark an Tucholsky oder Kästner erinnerten.

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 08.03.2014, Seite 35

Geburtstagsfeier mit "alten Recken"

 

Von Richard Lifka

WIESBADEN. Was 1986 mit Marc Kelly Smith in Chicago seinen Anfang nahm und 1994 in Berlin erstmals in Deutschland stattfand, wurde 1999 in Wiesbaden in Form eines Vereins ins Leben gerufen. „Where the wild words are“ ist ein Literaturverein, der sich dem Poetry Slam verschrieben hat. „Wir bevorzugen die Begrifflichkeit Wilde Worte für unseren Dichterwettstreit“, sagte Jens Jekewitz bei der einberufenen Pressekonferenz im 60/40, der Kneipe im Schlachthof. Diese Art des literarischen Vortragswettbewerbs, manchmal auch als „Dichterschlacht“ bezeichnet, der sich bewusst gegen die herkömmlichen „Wasserglas-Lesungen“ richtete, hat sich mittlerweile als feste Größe im Literaturbetrieb etabliert.

2014 02 Wenn in Wiesbaden Wilde Worte wallen WK-Artikel

Einfache Regeln
Die Regeln sind einfach und gelten unverändert: Ein Schriftsteller betritt die Bühne, trägt einen selbst geschriebenen Text vor, hat dazu genau sieben Minuten Zeit und das Publikum bewertet direkt im Anschluss mit Noten zwischen eins und zehn. Text- und Vortragsqualität werden dabei gleichwertig berücksichtigt.
Was für die Zuhörer ein großer Spaß ist, kann für den „Slamer“ zu heftiger Kritik geraten. Dass sich diese Veranstaltungsart ungebrochener Beliebtheit erfreut, bestätigte Hendrik Harteman und verwies dabei auf die stets gut besuchten Poetry Slams, die jeden letzten Mittwoch im Monat in der Räucherkammer des Schlachthofs stattfinden. „Eigentlich die bestbesuchteste Literaturveranstaltung in Wiesbaden.“
Die Macher des Vereins hatten nicht ohne Grund geladen. Schließlich gibt es etwas zu feiern: das 15-jährige Bestehen von „Where the wild words are“. Am 26. Februar wird es im Salon der neuen Halle im Schlachthof hoch hergehen. Aktuelle Stars wie Catherine de la Roche, Tilman Döring oder auch die „alten Recken“ wie Stefan Schrahe und Karsten Hohage werden auftreten und sich den „Feiertagsgästen“ stellen. Eine Live-Band wird für die nötige Untermalung sorgen, wenn bei einer kleinen Gala Anekdoten der vergangenen 15 Jahre vorgestellt werden und die eine oder andere Überraschung zu erwarten sei. Aber dies ist noch geheim, wie das bei Geburtstagsüberraschungen so üblich ist.
Sponsor gesucht
Geburtstagswünsche? Klar. Viele Besucher und natürlich eine Verbesserung der finanziellen Situation, die durch die allgemeinen Kürzungen im Kulturbereich auch vor den „Wilden Worten“ nicht haltgemacht hat. Ein Sponsor wäre auch nicht zu verachten. Hoffen wir, dass alle Wünsche in Erfüllung gehen. Denn der Poetry Slam sollte unbedingt erhalten bleiben. Wer schon mal an so einer Veranstaltung teilgenommen hat, weiß, wie beim Dichterwettstreit die deutsche Sprache in all ihren Facetten geformt, gelebt und erlebt werden kann.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.02.2014, Seite 20

Ein Schriftsteller zwischen zwei Städten

Von Richard Lifka

WIESBADEN . Was haben Görlitz, die größte geteilte Stadt Europas und die Bauhaustil-Stadt, „die niemals schläft“, Tel Aviv, gemeinsam? Zumindest Michael Guggenheimer, der über beide Städte jeweils ein Buch geschrieben hat, weil dessen eigene Biografie mit beiden Orten eng verwoben ist. Aus der Partnerstadt Wiesbadens floh die Familie seiner Mutter 1933 nach Tel Aviv, wo nun er geboren wurde und zur Schule ging. Danach trieb es seine Eltern nach Europa zurück, zunächst nach Amsterdam. Heute lebt Guggenheimer in der Schweiz, ist Autor, Fotograf, Kulturnetzwerker, Moderator, Vorsitzender des Deutsch-Schweizer PEN Zentrums und noch einiges mehr.
Seine Muttersprache sei Iwrit (das moderne Hebräisch), er schreibe aber in Deutsch und sei kein Schriftsteller, sondern Texter, sagt der dunkel gekleidete Mann, und beantwortet die wohlformulierten und präzise gestellten Fragen der Moderatorin Viola Bolduan (Presseclub). Eingeladen hat der deutsch-polnische Kultursalon „Pokusa“ in Kooperation mit dem Wiesbadener Presseclub und dem Literaturhaus. Viele sind gekommen und keiner hat es bereut.

2014 02 Guggenheimer WK-Artikel

Format und Stil
Zunächst las der Autor aus dem Buch „Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft“. Auf der Suche nach den Wurzeln seiner Vorfahren erschreibt sich Guggenheim die Stadt und lässt Gegenwart und Vergangenheit ineinanderfließen. Noch viel eindringlicher und intensiver wirkten die Geschichten, die er aus seinem 2013 erschienenen Buch las: „Tel Aviv – Hafuch Gadol und Warten im Mersand“. Nicht nur der Titel bedarf der Erklärung (Hafuch Gadol ist ein großer Milchkaffee und Mersand der Name eines traditionsreichen und beliebten Cafés in Tel Aviv), sondern auch die Buchgestaltung, auf die der Verlag großen Wert und viel Liebe verwandt hat. Beim Versuch, das Format und die Art des Lesens auf einem elektronischen Gerät nachzuahmen (von oben nach unten scrollen), kommt das Buch in ganz eigenem Stil daher. Zusammen mit Fotografien des Autors, kreativen und verliebten Details, ist ein Gesamtkunstwerk entstanden, das sicherlich in dieser Art einmalig ist und bleiben wird.
Atmosphäre der Stadt
Genauso wie die Intensität der gelesenen Texte. Ob Guggenheimer vom Club der älteren, aus Europa stammenden, Damen mit ihren philippinischen Betreuerinnen erzählt, der sich werktäglich im Café Mersand trifft, die Atmosphäre der Stadt am Sabbat zeichnet, über die Probleme der Zweisprachigkeit oder die „Problemlosigkeit“ einer Taxifahrt berichtet, stets entstehen den Zuhörern die entsprechenden Bilder im Kopf. Auch die unterschwellige, aber permanente Angst vor Bombenattentaten konnte nicht den Wunsch trüben, die „weiße Stadt am Meer“ endlich einmal zu besuchen. Ein gelungener Abend mit einprägsamen Texten, einem sympathischen Autor und einer exzellenten Moderation, die das Publikum mit einem Extraapplaus honorierte.

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 08.02.2014, Seite 21

Auf der Suche nach dem Selbst

 

RLF II Mainzer Stadtschreiber Peter Stamm liest aus „Nacht ist der Tag“ im Weingut Baron Knyphausen

Michael Herrmann, Intendant des Rheingau-Literatur-Festivals begrüßte im Erbacher Weingut Baron Knyphausen Autor Peter Stamm als Stammgast. Ein Kalauer, den der Schweizer wohl nicht zum ersten Mal vernahm. Gemeint war, dass der Schriftsteller nicht nur im Jahr 2000 den Rheingau-Literaturpreis erhalten habe, sondern zum vierten Mal am Programm teilnahm – in diesem Jahr als aktueller Mainzer Stadtschreiber über den Rhein gekommen sei. Auch die Bemerkung, im Rheingau scheine stets die Sonne, wenn Peter Stamm anreist, mag als Überleitung zu dessen meist im Nebel ihrer Existenz herumirrenden Romanfiguren durchgehen. Allerdings war es auch Hinweis auf das anschließende Gespräch zwischen Schriftsteller und Moderator Martin Maria Schwarz. Es blieb oberflächlich.

Und der Zweck der Kunst?

Das Thema der „Suche nach dem Selbst“, das Stamm in seinem neuen Roman „Nacht ist der Tag“ aufgegriffen hat, sei „schwierig“, betonte der Autor mehrmals. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer definiert mich? Das waren die Fragen. Aber auch die nach dem Nutzen der Kunst wurde gestellt. Warum schreiben wir Bücher oder malen Bilder? Das alles habe keinen praktischen Wert im Vergleich etwa zum Backen von Brot. Ob nun provokant oder ironisch gemeint, wurde nicht klar, denn kurze Zeit später stellte Stamm fest, natürlich habe Kunst einen Zweck. Nur welchen, blieb unerörtert.

Anregender wurde es, nachdem Stamm den Anfang des Buches vorgelesen hatte. Auch in „Nacht ist der Tag“ beginnt die Handlung im Krankenzimmer, genauso wie in Martin Walsers neuem Roman „Die Inszenierung“, der gleichfalls auf dem Festival vorgestellt wurde (wie berichtet). Bei Stamm ist es Gillian, die das klischeehaft stilvolle Leben einer Fernsehmoderatorin führte, bevor sie bei einem Autounfall nicht nur ihren Mann, sondern auch ihr Gesicht verlor. Real und metaphorisch. Während die Ärzte versuchen, „das Loch im Gesicht“ plastisch zu schließen, ist Gillian auf der Suche nach sich selbst. Wieder ist es Stamms vielgerühmter Stil der knappen und schnörkellosen Sätze, der im Kopf des Lesers starke Bilder entstehen lässt. Die scheinbar gefühllose Distanz des Erzählers zu einer dermaßen emotionsbeladenen Handlung schafft viel Platz für Fantasien.

In der Szene, die vor dem Unfall spielt, wird der zweite Protagonist vorgestellt. Es ist der dünnhäutige Aktmaler Hubert, dem Gillian Modell steht. Durch den Wechsel der Erzählperspektive rückt die Betrachtung der Frau von außen in den Fokus. Sie wird zum Objekt des Künstlers, ist nicht mehr sie selbst. Der Spiegel, mit dem Gillian im Krankenhaus sich selbst zu erkennen sucht, verwandelt sich in die Augen des Malers, der einen ganz anderen Mensch findet.

30.09.2013 – ERBACH

Gehoppel durchs Langgedicht

 

Wiesbaden . Der Lyrik ein Fest, so das Thema, das Eva Demski, die diesjährige Gastgeberin der Wiesbadener Literaturtage, gewählt hat. Das Gedicht vom Sockel der Weimarer Klassik heben und deutlich machen, dass Gedichte Genussmittel, Kampfzone und auch ein schöpferischer Ort der Sprache und Freude sind.
Nach der Eröffnungsfeier am Sonntag, sollten nun die beiden ersten Gäste, die ehemalige Wiesbadener Poetikdozentin Silke Scheuermann aus Offenbach und Paulus Böhmer aus Frankfurt am Main, im Literaturhaus Villa Clementine mit Leben, Traum und Tod die moderne Lyrik feiern. Soweit das Vorhaben.
Manch Ungemach
Um es gleich vorweg zu sagen: Das war kein Fest, das war eine mühsame, unter keinem guten Stern stehende Veranstaltung. Für manches Ungemach waren die Akteure nicht verantwortlich, wie eine nervige Mikrofonanlage, einen grippalen Infekt Silke Scheuermanns, die nach einer hochwasserbedingten Odyssee aufgelöst zur Lesung angereist war oder die wenigen Zuhörer.
Was aber anzulasten ist, ist das unvorbereitete Auftreten Böhmers als auch Eva Demskis als Moderatorin des Abends. Der Frankfurter Lyriker hoppelte sich betonungs- und gestenlos 15 Seite lang durch ein Langdicht, verlas sich fortwährend oder brummelte oft Unverständliches. Auch bei dem zweiten, später vorgelesenen Text war dies nicht anders.
Langatmige Fragensuche
Dies ahnend, hatte die Gastgeberin zuvor das Publikum darauf hingewiesen: „Ich bitte Sie, genau zuzuhören. Aber das machen Sie ja, dafür sind Sie ja hergekommen.“ Danach suchte sie langatmig nach zu formulierenden Fragen, die dann wenig Erkenntnisreiches hervorbrachten, wie zum Beispiel: „In welchem Stadium der Liebe schreibt sich ein Liebesgedicht am besten? Am Anfang, in der Mitte oder am Ende?“ Worauf Silke Schermann nichts anders antworten konnte als: „Je nachdem. Am Anfang, in der Mitte oder am Ende.“ Eine weitere Frage: „Was ist wichtiger (beim Gedichte schreiben), das Machen oder das Verstanden werden?“ Silke Scheuermann versuchte zu relativieren, das Machen sei ja schließlich zuerst, und wenn das Gemachte dann auch noch verstanden würde, wäre das schon gut. Schließlich wolle sie ja auch Bücher verkaufen. Dieser Gedanke wurde von Eva Demski abgeschmettert. Das sei ja wohl kein Ziel. Paulus Böhmer antwortete, wie nicht anders zu erwarten, dass das Machen das Wichtigste sei. So ging es fort.
Die Erkenntnis, die das Publikum „wie Vögel im Kopf“ mit nach Hause nehmen konnte, nachdem Eva Demski es geschafft hatte, eventuelle Fragen zu unterdrücken: Nicht jeder begnadete Dichter ist ein ebensolcher Vorleser oder Moderator, und die wunderbaren Gedichte muss man einfach selbst lesen, um ihre Schönheit und Wortgewaltigkeit genießen zu können.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 05.06.2013, Seite 20