Die zwei Leben der Bella Block

Krimi-Wochenende im Literaturhaus: Doris Gercke mit neuem Roman

Richard Lifka, Wiesbadener Kurier vom 27.11.2006

WIESBADEN Jetzt ist sie wieder da: Bella Block. Die beliebte Ermittlerin, die Doris Gercke im Roman „Bella Ciao“ literarisch schon hatte sterben lassen. Das war vielen nicht bewusst, denn Bella Block lebt zwei Leben. Bekannter ist sie dem Fernsehpublikum als Kommissarin in der gleichnamigen ZDF-Serie. Die Unterschiede zwischen den beiden Figuren erläuterte Gercke im Programm des Krimiherbstes wie folgt: In den Büchern sei Bella nicht Polizistin, sondern Privatdetektivin. Sie sei weder an regelmäßige Arbeitszeiten, noch an die Stadt Hamburg gebunden. Deshalb erlebe Bella ihre Abenteuer nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen Städten, „was ihr, den Lesern (und mir!) die Möglichkeit gibt, zu reisen und zu schauen“. Bellas Blick auf ihre Umgebung sei in den Büchern ein „weiblicher Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse“.

Wieder einen Bella Block-Roman zu schreiben, sei durch die Berichterstattung über den Mordfall Jakob von Metzler und die damit entbrannte Diskussion um Folter in Ausnahmesituation, ausgelöst worden. Der Titel des Buchs „Georgia“ ist zweideutig. Einerseits wird eine der Hauptfiguren, Susanne Behrendt, von Paul, ihrem Freund und dem späteren Oberstaatsanwalt, so genannt, andererseits gibt es im gleichnamigen amerikanischen Bundesstaat ein Ausbildungslager für Foltertechniken.

Gerckes Geschichte beginnt 1965, Georgia und Paul studieren Jura. Auf der Suche nach einem Dissertationsthema stößt Paul auf die Arbeiten des Wissenschaftlers Milgram, der durch Versuche mit vorgetäuschten Stromstößen für Aufsehen sorgte. Jeder Mensch sei dazu zu bringen, andere Menschen zu foltern, vorausgesetzt, man fordere ihn mit der notwendigen Autorität dazu auf. Paul gibt vor, Milgram widerlegen zu wollen und bittet Georgia an einem Versuch teilzunehmen. Doch dieser misslingt, denn statt einer Attrappe wird eine funktionierende Anlage eingesetzt. Vierzig Jahre später wendet sich Susanne (Georgia) an Bella und bittet sie um Personenschutz während eines Prozesses, in dem Susanne dem Oberstaatsanwalt Paul Frings nachweisen will, Folterungen auch selbst durchgeführt zu haben. Bella Block zögert, ob sie den Fall annehmen soll. Kurz darauf wird Susanne ermordet.

Wie aktuell dieses Thema ist, offenbarte nicht nur das anschließende Gespräch Susanne Lewalters mit der Autorin, sondern auch die sehr widersprüchliche und emotionale Diskussion mit dem Publikum.

Überhaupt war das Krimi-Wochenende im Literaturhaus nicht nur unterhaltsam und spannend, sondern zeigte, dass dieses Genre wie kein anderes in der Lage ist, nicht nur aktuelle gesellschaftliche Problematiken literarisch zu verarbeiten, sondern auch ein großes Publikum zu erreichen.

Schon am Samstag präsentierten sich vor vollem Haus zwei hochkarätige Autoren. Beide greifen in ihren neuen Krimis ebenfalls heiße Eisen an. In „Fremde Wasser“ von Wolfgang Schorlau, deckt dessen Privatdetektiv Dengler die Machenschaften eines global agierenden Energiekonzerns auf. Am Beispiel der Privatisierung kommunaler Wasserversorgung, wird eindrücklich geschildert, welche Gefahr besteht, wenn lebensnotwendige Einrichtungen unserer Gesellschaft an Unternehmen verkauft werden, die ausschließlich gewinnorientiert handeln. Drehbuch- und Krimiautor Felix Huby las aus „Der Falschspieler“. Der Berliner Kommissar Heiland löst einen Fall, bei dem es um neue Forschungsergebnisse in der Nanotechnologie geht und ein Global Player zu Erreichung seines Ziels vor Mord und Totschlag nicht zurückschreckt. Mit Friedrich Anis „Idylle der Hyänen“ fand das Wiesbadener Krimi-Wochenende im Literaturhaus seinen Abschluss.

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