Am Tag die Stadt erkunden und in der Nacht schreiben

Die Stipendiaten des Hessischen Literaturrats in Wiesbaden
von Richard Lifka

WIESBADEN Unterschiedlicher könnten sie nicht sein. Auf der einen Seite die in Kanada geborene und in Bordeaux lebende Mariane Fiori, auf der anderen der in Vilnius beheimatete Marius Ivaskevicius. Beide Schriftsteller und als Stipendiaten des Hessischen Literaturrates zu Gast in Wiesbaden.
Sie habe sich die Stadt erwandert, ohne Ziel sei sie losgegangen, um dort zu verharren, wohin ihre Füße sie trugen, schildert Mariane Fiori mit leiser Stimme die Eindrücke ihres zweimonatigen Aufenthalts in der Landeshauptstadt. Ihr sei aufgefallen, dass im Krieg wenig zerstört worden sei, die Stadt habe ihre Atmosphäre behalten, im Vergleich zu Frankfurt oder Offenbach beispielsweise, wo sie zu Lesungen war. Das Thema Zweiter Weltkrieg beschäftigt sie. Sie gehöre zu der Generation, die in den 80er Jahren in Frankreich begonnen habe, die Rolle des Vichy-Regiems aufzuarbeiten, über das Schicksal der Juden öffentlich nachzudenken. Deshalb spiele ihr Roman „Junges Blut“ (1989 in Frankreich, übersetzt 2002 bei dtv) in den 40er Jahren. Dafür habe sie intensiv recherchiert. Mittlerweile hat sie fünf Theaterstücke geschrieben, Texte für Kinder, Oper und Ballett. Aber nicht nur Literatur und Theater interessiert sie. Neben dem Studium hat sie eine Ausbildung als Trapez-Artistin und Barock-Tänzerin absolviert.
Ganz anders der offene und selbstbewusste Litauer. Drei Mal war er schon in Wiesbaden. Schließlich ist er der litauische Pate für die Wiesbadener Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“. Marius Ivaskevicius, einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Litauens, Journalist, Prosa- und Drehbuchautor, Dramatiker und Regisseur fühlt sich wohl in Wiesbaden. Zwar kann er sich nicht vorstellen, hier zu wohnen, dafür sei ihm die Stadt zu klein. Dennoch war dieser Aufenthalt im Rahmen des Stipendiums für seine schriftstellerische Arbeit anregend und nicht mit den anderen `Gastspielen´ zu vergleichen. Während der Biennale komme er eben kaum aus dem Theater heraus. Jetzt habe er Zeit gehabt, die Stadt kennen zu lernen, herumzureisen und, vor allem nachts, viel zu schreiben. Sein neuer Roman spiele zu großen Teilen in Frankfurt und die Recherche vor Ort, sei sehr motivierend.
Mit seinem Programm ist es dem Literaturrat gelungen, einen weiteren kulturellen Austausch mit europäischen Partnerregionen Hessens in die Wege zu leiten. Es ist zu hoffen, dass wir schon bald wieder Gäste begrüßen können, genauso wie hessische Künstler in die Partner-Regionen reisen werden. Mariane Fiori und Marius Ivaskevicius, so unterschiedlich sie auch sind, sie haben gemeinsam, dass sie ein Stück Wiesbaden, ein Stück Hessen mit in ihre Heimat nehmen.

Klischees abbauen, Grenzen überwinden

Deutsch-Polnische Gesellschaft im Kulturforum: Literatur und Jazzmusik aus dem Nachbarland

Von Richard Lifka

WIESBADEN Sie endete mit einem Paukenschlag – die Veranstaltung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Mainz-Wiesbaden (dpg). Das heißt, es waren eigentlich viele Paukenschläge, Trommelwirbel, Tamburinklänge, Wind- und Regengeräusche, die den literarischen Abend mit polnischer Lyrik und Prosa ausklingen ließen. Der Jazzmusiker Janusz Maria Stefanski war einer der Gäste, die die dpg mit Unterstützung des Kulturamts und der Hessischen Staatskanzlei zum Thema „Grenzen überschreiten – poetisch, provokant, polnisch“ eingeladen hatte. Ein anderer angekündigter Gast, der in Poznania lebende Lyriker Mariusz Grzebalski hatte aus familiären Gründen kurzfristig abgesagt. Drei seiner Gedichte trug die Übersetzerin Agnieszka Kaluza im Original vor und der Moderator Reinhard Lauterbach die deutschen Übersetzungen. Die als surrealistische Provokationen angekündigten Gedichte hatten, für deutsche Ohren zumindest, wenig Aufrüttelndes: „Wir liegen auf dem Steg, ich schlafe fast, / du trägst eine lila Bluse / und das ganze Foto ist lila, .“ (Stiefeletten in Orange) oder „Alles ist jetzt so famos und grandios / Auf dieser famosen und grandiosen Welt. / Alle sind so toll. Sogar der Tod, / fürchte ich, leuchtet mit dem Glanz der Geburt …“ (Famos und grandios). Worüber dann auch nicht mehr gesprochen wurde, weder vom Moderator noch später während der Fragerunde mit dem Publikum.

Ganz anders die in Berlin lebende Schriftstellerin Natasza Goerke, die gut gelaunt ihren Essay „Multigemüsecocktail“ vorlas und sich köstlich amüsierte, wenn sie über schwer aussprechbare deutsche Wörter stolperte. Dies hatte Charme und lockerte die zunächst etwas steife Atmosphäre merklich auf. Angestoßen durch Natasza Goerkes Bemerkungen in der vorgelesenen Textpassage über die sich veränderten Klischees der Polen den Deutschen gegenüber und umgekehrt, drehte sich die Diskussion hauptsächlich darum, dass sich die Menschen beider Nationen viel ähnlicher sind, als sie es selbst wahrhaben wollen. Diese Bilder könnten nur durch einen regen (Kultur-)Austausch korrigiert werden, wie es an diesem Abend versucht wurde; und als Janusz Stefanski zusammen mit dem Publikum eine Klangkollage improvisierte, auch gelang. Da waren die Grenzen nicht nur überschritten, sondern ganz einfach verschwunden.