Eine unheimliche „Schöne Geschichte“

Ricarda Junge stellte im Presseclub ihren neuen Roman vor
Von Richard Lifka

„Lieben kann man nur, wenn man nicht an den Tod denkt“, sagt der Freund der Ich-Erzählerin Marie im ersten Abschnitt des neuen Romans von Ricarda Junge. Aber wie sollte Marie den Tod vergessen, wenn das „Zischen aus ihrer Lunge“ sie stets an ihn erinnert. Trotz sommerlicher Schwüle und Fußballfieber waren viele Besucher der Einladung des „Fördervereins Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine“ gefolgt, um in den Räumen des Presseclubs „Eine schöne Geschichte“ zu hören, eine Geschichte von der Suche nach Leben und Liebe, vom Verlieren und Wiederfinden. Aber nicht nur Maries Intensität der Gefühle, angesichts ihres bevorstehenden Todes, wirken unheimlich. Sie und ihre Freundin Colina studieren in einer namenlosen Stadt, in der Menschen und Häuser verschwinden, in der im nächsten Moment nichts mehr so ist, wie zuvor. Dennoch geht nichts verloren, alles taucht wieder auf, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Marie hat die Liebe gefunden. Unerschütterlich glaubt sie daran, trotz aller Irrwege und der ständigen Angst vor dem Verlust. Dieses Verlieren- und Wiederfinden-Szenario wiederholt sich im zweiten Erzählabschnitt, nun jedoch in einem geschlossenen Raum, einem mysteriösen Hotel. Nur Frauen dürfen die Hotelzimmer bewohnen, Männer werden im Keller untergebracht. Die Geschehnisse und Beschreibungen eines Geheimganges überspringt die Schriftstellerin zwei Mal bewusst und weist die gespannt lauschenden Zuhörer daraufhin. Sicherlich, kein leicht zu lesendes Buch, aber ein Roman, dessen Rhythmus und Sprachklang den Leser in seinen Bann zieht und nicht mehr los lässt. Im anschließenden Gespräch, mit der wie immer souverän moderierenden Feuilletonisten Viola Bolduan, machte Ricarda Junge klar, dass im Schreib- und Überarbeitungsprozess ein Text mit Eigenleben entsteht, dessen Wirkung vom Autor nicht zu überblicken ist. Nach diesem unbeschreiblichen Geschehen, wisse das Buch mehr als dessen Urheber. Dieses Wissen zu nutzen und zu erkennen ist nun die Aufgabe des Lesers, des Kritikers und des Literaturwissenschaftlers.
Info: Ricarda Junge: „Eine schöne Geschichte“, S. Fischer Verlag, 256 Seiten, 17,90 Euro