Wenn ich über Liebe schreibe …

… denke ich an den Tod

Lesung mit Schriftstellerin Keto von Waberer im Literaturhaus
Von Richard Lifka

WIESBADEN Die Aufrechterhaltung der Lebensqualität von Menschen, die unheilbar erkrankt sind, die nur noch eine begrenzte Lebenserwartung haben, ist das Hauptziel der Palliativmedizin. Ein Kongress dieser Mediziner tagt zurzeit in Wiesbaden und wird mit einer vom Kulturamt organisierten Veranstaltungsreihe umrahmt. Dass es dabei um Fragen des Sterbens, den Umgang mit Tod und den Verlust geliebter Menschen geht, ist zwangsläufig. Ein Thema, das schon immer Gegenstand von Literatur war und ist. Das Wiesbadener Literaturhaus hatte dazu die in München lebende Schriftstellerin Keto von Waberer geladen.

Zwei ihrer Werke stellte sie in Auszügen vor und diskutierte mit dem vorwiegend weiblichen Publikum unter Moderation der Journalistin Shirin Sojitrawalla darüber. In ihrem Buch „Schwestern“ thematisierte die Autorin den realen Tod ihrer Schwester, um die dadurch ausgelöste eigene Lebenskrise zu verarbeiten. Aber auch, um das Leben dieses geliebten Menschen der Gefahr des Vergessenwerdens zu entreißen. „Ich bin der Chronist der Geschichte meiner Schwester.“ Natürlich sieht Keto von Waberer die Problematik einer derartigen „Betroffenheitsliteratur“ und erklärte sehr anschaulich, wie der Schreibprozess dazu führt, dass am Ende die Autorin selbst nicht mehr weiß: Was sind in dem Erzählten wahre, was sind erfundene Erinnerungen? Ihr aktuelles Buch „Umarmungen“ ist eine Sammlung von zwölf Erzählungen.

Geschichten, „natürlich mit Tod, irgendwie“, die das Thema der Unmöglichkeit des immerwährenden Glücks umkreisen, die einzelne Karten des „Memory-Spiel des Lebens“ aufdecken. Die Erzählung „Stella“, die die Schriftstellerin vorlas, beeindruckte durch die Bilder, die sie hervorrief und die in den Köpfen der Zuhörer in den Räumen des Presseclubs einen sehr individuellen Film ablaufen ließen.

Die anschließende Diskussion über den Umgang mit Sterben und Tod in unserer Gesellschaft – beispielsweise im Vergleich zu aztekischen Trauerritualen (Keto von Waberer lebte für mehrere Jahre in Mexiko) – zeigte, wie wichtig es ist, darüber zu schreiben, um offen über das Thema sprechen zu können.

Keto von Waberer: „Umarmungen“, Berliner Taschenbuch Verlag, 2007; 160 Seiten 7,50 Euro.

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