Verborgene Schicksale

14.11.2009 – WIESBADEN

Von Richard Lifka

KRIMIHERBST Schockierend nüchtern: „Tödliche Tatsachen“ im Wiesbadener Polizeipräsidium

„Tödliche Tatsachen“, eine Theatermontage aus 18 Akten, die im Rahmen des Krimiherbstes in Kooperation mit der Gesellschaft Bürger und Polizei im Wiesbadener Polizeipräsidium Westhessen aufgeführt wurde. Zunächst mussten die vielen Besucher am Eingang ihre Ausweise abgeben und wurden dann, unter polizeilicher „Bewachung“ durch das labyrinthartigen Gebäude ins Dachgeschoss eskortiert. Dort erwartete sie eine ebenerdige Bühne, eine büroähnliche Kulisse, mit vielen Kisten voller Akten mit unnatürlichen Todesfällen. Akten, die im Laufe des Abends nach und nach geöffnet wurden.

Leichensachen im Karton

Am Ende lag dann jede Leichensache wieder in ihrem Karton, umhüllt von einem Vorhang des Schweigens, kurz noch einmal beleuchtet, um dann für immer dem Vergessen anheimgestellt zu werden. 18 reale Todesfälle, Mord, Totschlag, Suizid oder Unfall, fein säuberlich protokollierte Auffindsituationen und Zeugenbefragungen der Wiesbadener Kriminalpolizei wurden für 90 Minuten aus dem Archiv befreit, entstaubt, um den dahinter verborgenen Schicksalen auf die Spur zu kommen. Die lapidaren Aufzeichnungen der Polizeibeamten, die in ihrer Klarheit und Emotionslosigkeit schockierend nüchtern wirkten, entwickelten durch das laute Verlesen eine ganz eigene Sicht auf gewaltsame Todesarten. Kaum gelesen, wurden Momentaufnahmen jedes einzelnen Falles, in Gedichtsform verpackt, dem Zuhörer präsentiert und damit die Rätselhaftigkeit menschlicher Abgründe erhellt.

Das abrupte und unablässige Hin und Her zwischen diesen beiden Textformen, der drastische Wechsel von einem Leichenfund zum anderen, hielt das totenstille Publikum von Anfang bis Ende in Atem. Die beiden Schauspieler der Theatergruppe IGNOUS, Ariane Klüpfel und Patrick Twinem, schlüpften gekonnt übergangslos von einer Rolle in die nächste und wieder zurück. Vom tröstenden Kriminalkommissar in einen an einem Fleischbrocken erstickenden 120 Kilo-Mann, von der Polizeiassistentin in eine verhungernde junge Frau, vom konsumgeilen Pärchen, das mordet, um in Ruhe einkaufen zu können, zum Amokläufer in einem Westernsaloon. Kaum zu folgen wäre dem Geschehen auf der Bühne, hätte es nicht jeweils einige Schweigesekunden gegeben, immer dann, wenn der Aktendeckel erneut, mit einem kleinen Licht erhellt, im Archiv begraben wurde.

In seiner Inszenierung hat Uli Wirtz-von Mengden die Kriminalgedichte von Gisela Winterling und die neu formulierten und anonymisierten Polizeiprotokolle von Dorothea Jung in beeindruckend schwermütige Minidramen umgesetzt, die am Ende den Besucher sehr nachdenklich und bedrückt aus „Tödlichen Tatsachen“ in seine eigene Realität entlassen.

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