Reif für die Insel

17.04.2010

Von Richard Lifka

LESUNG Kristine von Soden im Literaturhaus

Wiesbaden. Dort, wo heute sich die Reichen und Schönen tummeln, die Landschaft zubetoniert und von Blechlawinen überrollt wird, trafen sich zum Beginn des 20. Jahrhunderts Kunstschaffende aus allen Bereichen. Sie prägten den Ruf der Insel Sylt – und die Insel prägte sie. Insbesondere der Kurort Kampen entwickelte sich zu einer Art Künstlerkolonie. Wer sich wann und zu welcher Zeit dort aufhielt, was er dort vollbrachte oder anstellte, erfuhren die Zuhörer im Literaturhaus von der in Wiesbaden lebenden Autorin und Journalistin Kristine von Soden. Im Rahmen der Reihe „Buchseiten – Buchzeiten“, stellte sie ihren 2008 erschienenen literarischen Reiseführer „Zur Sommerfrische nach Sylt“ vor.

Waren es zunächst nur vereinzelt Künstler wie Theodor Storm, der nach mehreren Aufenthalten die unvollendete „Sylter Novelle“ schrieb, Christian Morgenstern oder Max Beckmann, die die Reize der Insel entdeckten, so begannen nach der Jahrhundertwende immer mehr bekannte und unbekannte Kunstschaffende, zumindest die Sommermonate, auf der Insel zu verbringen. Ob nun Literaten wie Gerhard Hauptmann, Thomas Mann oder Robert Musil, Verleger wie Suhrkamp oder Rowohlt, Film- und Theatermenschen wie Gret Palucca, Will Grohmann oder Marlene Dietrich – man traf sich auf Sylt, floh aus der hektischen Welt der „goldenen 20er Jahre“, besonders aus der Kunstmetropole Berlin, beruhigte sich in der Monotonie des Wellenrauschens und der kargen Landschaft, erholte sich in rauem Klima.

Natürlich entstanden auch neue Freundschaften, Kontakte und Beziehungen. So trafen sich dort zufällig der von Drogen- und Alkoholsucht gezeichnete Schriftsteller Hans Fallada und sein früherer Verleger Ernst Rowohlt wieder, nach dem sie sich für zehn Jahre aus den Augen verloren hatten. Aus diesem Zusammentreffen erwuchs eine fruchtbare Zusammenarbeit, in deren Folge Werke wie „Bauern, Bonzen und Bomben“ oder „Kleiner Mann – was nun?“ entstanden.

Name für Name, Zitat über Zitat, vor allem aus Tagebuchaufzeichnungen und dem Briefwechsel zwischen Kurt Tucholsky und Siegfried Jacobson prasselten auf die Zuhörer ein, die Anekdoten und Anekdötchen hörten, die Kristine von Soden selbst amüsiert und amüsant vortrug.

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