Dostojewskis Fluch: Trio Mortale als „Höhepunkt“ im Wiesbadener Krimiherbst

04.11.2010 – WIESBADEN Von Viola Bolduan


Die literaturgeschichtliche Bedeutung der Stadt ist überschaubar. Gustav-Freytag-Denkmal im Kurpark, Dostojewski-Büste am Nizzaplätzchen. Immerhin. Wenn zwei Autorinnen und ein Autor nach Wiesbaden zu einem mehrwöchigen Stipendiumsaufenthalt eingeladen werden, dann liegt es auf der Hand, dass sie sich zu beiden Kollegen hingezogen fühlen. Als Krimi-Experten mehr zum Meister epischer Psychodramen aus Russland als zum ziemlich vergessenen deutschen Kulturliberalen. Gustav Freytag bleibt daher auch in Prosa aus Stein, während unser Spielcasino-Besucher aus Russland kuriose Lebendigkeit entfaltet. Wo anders als an der Griechischen (Russischen) Kapelle am Neroberg. Und am Mittwochabend im Literaturhaus.

Als „besonderen Höhepunkt“ im Krimiherbst kündigt Kulturdezernentin Rita Thies die Buchpremiere für den zweiten Band „Wiesbadener Kriminalgeschichten“ unter dem Titel „Trio Mortale“ an, erschienen im Brücken Verlag (Wiesbaden) an.

Anni Bürkl aus Wien, die Hamburgerin Regula Venske und Horst Eckert, Krimi-Experte aus dem Rheinland, hatten sich im Frühjahr während ihres Stipendiums in Wiesbaden zwischen Freytag-Denkmal und Dostojewski-Büste ihre Kurzgeschichten ausgedacht. Neben Kurpark und Kurhaus fehlt auch das Theater nicht als Tatort und das Pfingstreitturnier nicht als glamouröser Hintergrund krimineller Machenschaften für Eckerts „König der Stadt“, den örtlichen Russen-Mafiaboss. Dessen Frau Elena widmet sich Dostojewski lediglich lesend, während Regula Venske ihm eine aufwühlende Liaison mit Fanny Lewald andichtet, an dessen Ende Dostojewski Wiesbaden verflucht. Ein Treffen der beiden im 19. Jahrhundert wäre möglich gewesen – und damit auch „Fannys Fluch“. Das weiß man aber erst aus Briefen, die ihre Autorin Venske erfunden hat, Altertümlichkeitsregeln beachtend.

„Künstler-Wettstreit“

Ihr Kollege Horst Eckert widmet sich Aktuellerem in seinem Text: Ein Ministerpräsident nimmt seinen Hut, Politik und Polizei halten diverse Verbindungen zur ansässigen Russenmafia, wobei der Mord dann doch aus privaten Gründen geschieht. Hier geht es um Handfestes. Im „Künstler-Wettstreit“ von Anni Bürkl um Grenzverwischung: Liegt auf dem Springbrunnen des Bowling Greens tatsächlich ein Toter, oder muss Krimiautor Kerrheimer Fiktionen leibhaftig erleben, weil er sie nicht schreiben kann?

Obwohl am selben Schauplatz verortet, sind Themen, Form und Atmosphäre der drei Kurzkrimis höchst unterschiedlich, verraten eben die Handschrift der jeweiligen Autorin und des Autors. Eines aber stimmt für alle: Eine Stadt, die so viel kriminelle Schreib-Energien freisetzt, muss eine sichere sein. Für Stipendiaten allemal.

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