Geschichten über das, was nicht da ist

 

23.09.2011 – RÜDESHEIM

Von Richard Lifka

LESUNG Ingo Schulze beim Rheingau Literatur Festival

Eigentlich stimmte alles. Tolles Ambiente, guter Wein und vollbesetzte Stuhlreihen. Dennoch wollte der Funke nicht überspringen, kam der Applaus zögerlich und spärlich. Woran es lag?

Sicherlich auch an einer konfus wirkenden Moderatorin Ruth Fühner, deren Fragen keine Fragen, eher Feststellungen waren, mit der ihr Gast, der Schritsteller Ingo Schulze, wenig anzufangen wusste und seine liebe Mühe hatte sie zu beantworten. Vielleicht an den zu langen Textpassagen, die vorgetragen wurden, wobei es auch hier Unstimmigkeiten gab, welche es denn nun sein sollten. Vor allem aber an den Texten selbst, die vorgelesen, ziemlich belanglos wirkten.

Was sie nicht sind. Denkt man in Ruhe, später oder beim Selbstlesen darüber nach, klingt das nicht Benannte im Text eindrucksvoll nach. Das ist es dann, was Ruth Fühner meinte mit der Anwesenheit dessen, was nicht da ist.

Aufmerksam, hin und wieder von leisem Lachen unterbrochen, hörte das Publikum im Weingewölbe von Breuers Kellerwelt in Rüdesheim zu. Aus „33 Augenblicke des Glücks“ las der in Dresden geborene und in Berlin lebende Autor das Fragment „Füße“, dann aus dem Buch „Orangen und Engeln“ die italienische Skizze „Randazzo“. Hier wird dem Ich-Erzähler beim Anblick der Esterhazy-Schnitte in einer berühmten sizilianischen Patisserie, die Vergänglichkeit des Lebens und seiner selbst bewusst.

Ratloses Publikum

Die lange Erzählung „Kalkutta“ aus „Handy – Dreizehn Geschichten in alter Manier“ entließ das Publikum etwas ratlos in die Pause. Zwar strotze der Text von skurrilen Begebenheiten, wie beispielsweise dem Versuch, eine imaginäre Maus zu fangen, mit einer Mausefalle der Nachbarsfamilie, deren Sohn gerade unfallbedingt ins Koma fiel. Eher klischeehaft wirkt hier allerdings „das, was nicht da ist“. Ein Mann der Hausarbeit verrichtet ist folglich arbeitslos, Frauen können ungehemmt miteinander reden, Männer nicht und Kalkutta ist das Symbol für unbeachtetes Kindersterben.

Nach der Pause las Schulze eine titellose Geschichte aus „33 Augenblicke des Glücks“. Ein Beispiel über das Leben der Russen in den 90er Jahren und die nicht gestellte Frage: Trägt der heutige Effektivitätswahnsinn in unserer Wirtschaftsphilosophie wirklich zur Steigerung der Effektivität bei? Eine abgedrehte, humorvolle, mit vielen Augenzwingern erzählte Parodie.

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