Geistreich, mit rasantem Tempo

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 25.09.2012, Seite 19

Von Richard Lifka
Eltville. Roter Salon im Weingut Balthasar Ress in Hattenheim. Die 20. Weinlese, wie stets gut besucht, in charmanter Atmosphäre. Heiner Boehncke wies bei der Begrüßung auf das Jubiläumsjahr hin und schilderte, wie es dazu kam, fünf Jahre nach Gründung des Rheingau Musik Festivals, eine ähnlich gestaltete Veranstaltung im literarischen Bereich zu etablieren. Dies vor allem in Hinblick auf den Moderator des Abends Thomas Hocke. Nicht nur als Mitbegründer und langjährigem künstlerischen Leiter sei er dem Rheingau Literatur Festival verbunden, sondern auch als Mentor und Jurymitglied des Mainzer Stadtschreiber Stipendiums. Schon fast traditionell wird der amtierende Stadtschreiber oder die amtierende Stadtschreiberin bei einer literarischen Matinée während der „Weinlese“ vorgestellt.
In diesem Jahr ist das Kathrin Röggla, die 1971 in Salzburg geboren wurde und seit 1992 in Berlin lebt. Wie schwer die mit vielen Preisen und Auszeichnungen dekorierte Schriftstellerin literarisch einzuordnen und biografisch zu fassen ist, wurde in den Gesprächsphasen der Veranstaltung deutlich. Thomas Hocke versuchte ihre Werke mit ihren Lebensdaten zu verbinden, und über entsprechende Fragen dem Publikum einen Überblick zu verschaffen, was sich jedoch als sehr schwierig erwies, da es immer ein aber, ein vielleicht oder ein auch nicht gab. Zu vielfältig und breit gefächert ist das Oeuvre der Autorin. Schon bei der Beschreibung ihrer literarischen Anfänge scheitert die Einordnung und wird mit „Radioarbeiten“ beschrieben, wozu sicherlich Hörspiele, akustische Installationen und Netzradio gehören. Genauso wie „Theatertexte“ und „Prosatexte“. Sie selbst erklärt dies damit, dass sie häufig medienübergreifend arbeite, mit dokumentarischen Verfahren, den Mitteln der Komik und Ironie, experimentell und sprachkritisch sowie mit der Mündlichkeit der Schrift.
Präzise beobachtet
Wirkte Kathrin Röggla zunächst unsicher und zurückhaltend (sie schaute nur den Moderator an, riskierte keinen Blick ins Publikum, auch nicht bei der Lesung der ersten beiden Texte), so zeigte sie sich nach der Pause lockerer und dem Publikum mehr zugewandt. Wie gut sie schreiben, formulieren und präzise beobachten kann, verdeutlichten die drei Texte, die sie in rasantem Tempo vorlas. Im Text „Tangenten“ beschreibt sie das aus enttäuschten Erwartungen entstehende Unbehagen auf der Fahrt zu einem Flughafen, in „Schweigeminute“monologisiert sie geistreich-humorvoll über Schweigeminuten in Konferenzräumen nach Attentaten und macht sich in „Diagnosefront“ Gedanken über den Sinn und Unsinn von Online-Foren, in denen monatelang über ein und dasselbe Thema gechattet wird.

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