Noch Fragen Kienzle …?

Explosive Märchenwelt

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 01.10.2012, Seite 29

Von Richard Lifka
Geisenheim. Die Sicht auf den Nahen Osten sei in der westlichen Welt immer noch vernebelt, sei ein Bild, das sich aus einer Märchensammlung zusammensetze. Seit Beginn der Orient-Rezeption vor mehr als zweihundert Jahren prägten die Geschichten von „1001 Nacht“ unsere Einstellung zum „Morgenland“. So das eine Fazit der letzten, sehr gelungenen Veranstaltung im Rahmen des diesjährigen Rheingau-Literatur-Festivals in der Geisenheimer Sektkellerei Bardong.
Stark übertriebene Angst
Die zweite Schlussfolgerung des Gastes Ulrich Kienzle, klang dann schon wie ein Appell an die 240 Zuhörer: Die Angst vor der arabischen Welt sei stark übertrieben. So ernst dies klingt, so täuscht es doch über den Verlauf der Lesung. Wie schlagfertig und präzise der aus Schwaben stammende und im Rheingau lebende Journalist, Publizist und Nahostexperte Ulrich Kienzle ist, weiß man spätestens seit den geistreichen und provozierenden Wortgefechten im Politikmagazin „Frontal“, die er sich mit seinem „politischen Gegner“ Bodo H. Hauser lieferte.
Zusammen mit dem Moderator des Abends und künstlerischem Leiter des Festivals kam es zu einem ähnlichen Austausch im umgekehrten Verhältnis: „Noch Fragen Boehncke? Ja, Kienzle …“ Und Kienzle beantwortete die Fragen des zu Hochform auflaufenden Heiner Boehncke. Ernst, witzig, sarkastisch, ironisch, dem jeweiligen Thema entsprechend angepasst, kurz und knapp oder eingehend dozierend.
Gerade dieser ständige Wechsel zwischen heiterer Gelöstheit beim Besprechen Kienzles schwäbischer Herkunft, seines beruflichen Werdegangs und seiner konzentrierter Nachdenklichkeit bei Ausführungen über Ursachen, Hintergründe und Wirkungen der verwirrenden und unverständlichen Geschehnisse im Nahen Osten, schlug die Zuhörer in ihren Bann.
Die drei Textstellen, die Kienzle aus dem Buch „Abschied von 1001 Nacht“ las, gaben einen kleinen Einblick seines Journalistenlebens im Orient. Deutlich wurde, wie das unüberschaubare Geflecht aus religiösen, nationalistischen und rassistischen Grundeinstellungen der Menschen von Machthabern ausgenutzt wird, um die Massen je nach ihren Bedürfnissen zu manipulieren. Die Renaissance der Religionen ist, was Kienzle als das große Unheil bezeichnet. Gerade durch die neuen demokratischen Strukturen sei der Islam zur treibenden Kraft im Nahen Osten geworden. Wobei es natürlich „den“ Islam gar nicht gäbe, genauso wenig wie die Schiiten, die Sunniten, die Sufisten, die Alewiten und was noch so an religiösen Strömungen, Gruppen und Untergruppen existiere. Kienzles drittes Fazit daraus war die Empfehlung an uns und vor allem unsere Politiker: mehr Gelassenheit gegenüber dem Islam, denn der bekämpfe sich vorwiegend selbst.