Zeitreise ins 16. Jahrhundert

 

Durch die Fenster des Bürgersaals im Eppsteiner Rathaus schweifte der Blick über den in diffuses Licht der nebelverhangenen Straßenlaternen getauchten Ort. Als dann der gregorianische Gesang des Männerchors aus Niederjosbach begann, trat im vollbesetzten Raum erwartungsvolle Stille ein. In den letzten Ton hinein erklangen die Worte: „Es geht auch hier nicht ohne Vorrede ab… hol´s der Teufel“. Da brach die Stimme ab und der Schauspieler Michael Mendl klopfte irritiert auf sein Mikrofon. Nichts, der Teufel hatte es geholt. Vom herbeigeeilten Techniker ließ er sich befummeln, zog sein Jackett aus und ergab sich in das Unvermeidliche.
Psychopath oder Ganove
Ganz der Grandseigneur, den er so oft in Filmrollen spielte, ließ er es geschehen, war die Autorität ausstrahlende Figur, der ehrenhafte Charakter. Meist verkörpert er hohe Funktionäre, Ärzte oder Offiziere und ist damit beim deutschen Film- und Fernsehpublikum bekannt und beliebt geworden. Für die Interpretation des ehemaligen Kanzlers Willy Brandt in „Im Schatten der Macht“ erhielt er 2004 die „Goldene Kamera“. Dass er auch anderes kann, stellt er in Dramen unter Beweis, sei es als Psychopath, Ganove oder als charmanter älterer Ehemann. Natürlich ist er mit Gastrollen an deutschen Theatern präsent, genauso wie bei Hörspielproduktionen oder in Synchronisationsstudios, wenn er amerikanischen Schauspielern seine Stimme leiht.
Nachdem die technischen Probleme behoben schienen, setzte sich Michael Mendl wieder und fing noch mal von vorne an. Er las professionell und eindringlich aus dem fünften Buch „Die Brüder Karamasow“. Schon nach wenigen Minuten war das Publikum ins Sevilla des 16. Jahrhunderts versetzt, erlebte hautnah mit, wie der Großinquisitor in dem gleichnamigen Kapitel aus Dostojewskis Roman, den auf die Erde zurückgekehrten Jesus verhörte. Der schweigende Christus steht am Ende der Parabel auf und küsst den Inquisitor auf die Lippen. Daraufhin lässt dieser ihn frei, obwohl er vorhatte, Jesus auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Das regelmäßig aussetzende Mikrofon störte den Schauspieler nun nicht mehr, er war in seiner Rolle, war ganz der spanische Tyrann. Da waren solche Äußerlichkeiten ausgeblendet.
Natürlich hatte Mendl diese Geschichte nicht ohne Grund gewählt. Strahlt sie doch bis heute eine enorme Wirkung aus und sorgt noch immer, besonders in der Theologie, für Diskussionen über Rolle der Kirche. Allerdings kommen darin auch Sätze vor wie „Knechtet uns lieber, aber macht uns satt!“ und zielen damit direkt auf Mendls soziales Engagement. Seit 2008 ist er der Schirmherr des „Vereins Gegen Noma“ (noma = zerfressen). Eine entsetzliche Krankheit, an der jährlich über 100 000 Kinder sterben und die bei Unterernährung entsteht.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 19.11.2012, Seite 7

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