Gefundenes und Erfundenes

 

Wiesbaden . Viele wollten die Schriftstellerin Ursula Krechel sehen und lesen hören. Das war vorhersehbar. Hat sie doch 2008 mit ihrem Buch „Shanghai fern von wo“ den Durchbruch als Romanautorin geschafft und dafür unter anderem den Rheingau-Literaturpreis erhalten. Ebenso wurde ihr der Wiesbadener Lyrikpreis „Orphil“ verliehen. Ihr neuer Roman „Landgericht“, für den sie den Deutschen Buchpreis erhielt, spielt in Mainz. Also jede Menge Gründe, eine Lesung mit ihr zu besuchen.
Gut besucht
Die Ausstellungshalle des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst war dementsprechend gut gefüllt. Der Journalist Andreas Platthaus stellte die Autorin vor. Er sprach mit ihr über das „Landgericht“ und Krechels Recherchen zum Thema „das Elend in der Emigration und das Scheitern nach der Heimkehr“. Ebenso über ihre Suche nach der Erzählperspektive und dem Abwägen, wie viel Gefundenes ins Werk einfließen dürfe und müsse.
Das begann schon mit der Namensfindung für die Romanfiguren, beispielsweise für den Protagonisten Richard Kornitzer, der 1948 aus dem Exil auf Kuba nach Deutschland zurückkehrt und dessen Name zwar einen jüdischen Klang haben sollte, aber wiederum auch nicht zu deutlich.
Ursula Krechel berichtete, dass sie bereits 1980 anfing, sich für das Schicksal der aus Hitler-Deutschland nach Shanghai geflohenen Emigranten zu interessieren. Nach intensivem Forschen in Archiven, vielen Gesprächen mit Betroffenen und deren Nachfahren, habe sich das Material angesammelt, mit dem sie versuche, Dokumentarisches mit Fiktionalem zu verknüpfen und dennoch die Übergänge deutlich beizubehalten. Zunächst in Hörspielen realisiert, habe sie dann in „Shanghai fern von wo“ und besonders in „Landgericht“ die geeignete Form gefunden.
Schlechte Raumverhältnisse
Man hatte sich entschieden, dass Ursula Krechel nach der Gesprächsrunde eine lange Passage aus „Landgericht“ las. Keine gute Entscheidung. Unter den schlechten Verhältnissen in der Ausstellungshalle litt das Publikum ebenso wie die Autorin. Die Zuhörer versuchten sich mit ihren Winterjacken vor der Kälte, Ursula Krechel mit einem Schal ihre Stimme zu schützen. Bleibt die Frage, wofür Wiesbaden ein teuer renoviertes, wunderbares Literaturhaus hat, wenn Lesungen in einem kühlen, atmosphärelosen und mit bescheidener Akustik ausgestatteten Raum stattfinden. Die Begründung, dass die Nachfrage zu groß war, in der Villa Clementine weniger Plätze zur Verfügung stünden, zieht nicht. Jeder Raum hat seine Grenze. Wenn die Veranstaltung ausverkauft ist, ist sie das eben.
Der Roman „Landgericht“ wird als nächster Fortsetzungsroman in dieser Zeitung zu lesen sein.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.01.2013, Seite 18

Von Richard Lifka