Gehoppel durchs Langgedicht

 

Wiesbaden . Der Lyrik ein Fest, so das Thema, das Eva Demski, die diesjährige Gastgeberin der Wiesbadener Literaturtage, gewählt hat. Das Gedicht vom Sockel der Weimarer Klassik heben und deutlich machen, dass Gedichte Genussmittel, Kampfzone und auch ein schöpferischer Ort der Sprache und Freude sind.
Nach der Eröffnungsfeier am Sonntag, sollten nun die beiden ersten Gäste, die ehemalige Wiesbadener Poetikdozentin Silke Scheuermann aus Offenbach und Paulus Böhmer aus Frankfurt am Main, im Literaturhaus Villa Clementine mit Leben, Traum und Tod die moderne Lyrik feiern. Soweit das Vorhaben.
Manch Ungemach
Um es gleich vorweg zu sagen: Das war kein Fest, das war eine mühsame, unter keinem guten Stern stehende Veranstaltung. Für manches Ungemach waren die Akteure nicht verantwortlich, wie eine nervige Mikrofonanlage, einen grippalen Infekt Silke Scheuermanns, die nach einer hochwasserbedingten Odyssee aufgelöst zur Lesung angereist war oder die wenigen Zuhörer.
Was aber anzulasten ist, ist das unvorbereitete Auftreten Böhmers als auch Eva Demskis als Moderatorin des Abends. Der Frankfurter Lyriker hoppelte sich betonungs- und gestenlos 15 Seite lang durch ein Langdicht, verlas sich fortwährend oder brummelte oft Unverständliches. Auch bei dem zweiten, später vorgelesenen Text war dies nicht anders.
Langatmige Fragensuche
Dies ahnend, hatte die Gastgeberin zuvor das Publikum darauf hingewiesen: „Ich bitte Sie, genau zuzuhören. Aber das machen Sie ja, dafür sind Sie ja hergekommen.“ Danach suchte sie langatmig nach zu formulierenden Fragen, die dann wenig Erkenntnisreiches hervorbrachten, wie zum Beispiel: „In welchem Stadium der Liebe schreibt sich ein Liebesgedicht am besten? Am Anfang, in der Mitte oder am Ende?“ Worauf Silke Schermann nichts anders antworten konnte als: „Je nachdem. Am Anfang, in der Mitte oder am Ende.“ Eine weitere Frage: „Was ist wichtiger (beim Gedichte schreiben), das Machen oder das Verstanden werden?“ Silke Scheuermann versuchte zu relativieren, das Machen sei ja schließlich zuerst, und wenn das Gemachte dann auch noch verstanden würde, wäre das schon gut. Schließlich wolle sie ja auch Bücher verkaufen. Dieser Gedanke wurde von Eva Demski abgeschmettert. Das sei ja wohl kein Ziel. Paulus Böhmer antwortete, wie nicht anders zu erwarten, dass das Machen das Wichtigste sei. So ging es fort.
Die Erkenntnis, die das Publikum „wie Vögel im Kopf“ mit nach Hause nehmen konnte, nachdem Eva Demski es geschafft hatte, eventuelle Fragen zu unterdrücken: Nicht jeder begnadete Dichter ist ein ebensolcher Vorleser oder Moderator, und die wunderbaren Gedichte muss man einfach selbst lesen, um ihre Schönheit und Wortgewaltigkeit genießen zu können.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 05.06.2013, Seite 20