Geburtstagsfeier mit "alten Recken"

 

Von Richard Lifka

WIESBADEN. Was 1986 mit Marc Kelly Smith in Chicago seinen Anfang nahm und 1994 in Berlin erstmals in Deutschland stattfand, wurde 1999 in Wiesbaden in Form eines Vereins ins Leben gerufen. „Where the wild words are“ ist ein Literaturverein, der sich dem Poetry Slam verschrieben hat. „Wir bevorzugen die Begrifflichkeit Wilde Worte für unseren Dichterwettstreit“, sagte Jens Jekewitz bei der einberufenen Pressekonferenz im 60/40, der Kneipe im Schlachthof. Diese Art des literarischen Vortragswettbewerbs, manchmal auch als „Dichterschlacht“ bezeichnet, der sich bewusst gegen die herkömmlichen „Wasserglas-Lesungen“ richtete, hat sich mittlerweile als feste Größe im Literaturbetrieb etabliert.

2014 02 Wenn in Wiesbaden Wilde Worte wallen WK-Artikel

Einfache Regeln
Die Regeln sind einfach und gelten unverändert: Ein Schriftsteller betritt die Bühne, trägt einen selbst geschriebenen Text vor, hat dazu genau sieben Minuten Zeit und das Publikum bewertet direkt im Anschluss mit Noten zwischen eins und zehn. Text- und Vortragsqualität werden dabei gleichwertig berücksichtigt.
Was für die Zuhörer ein großer Spaß ist, kann für den „Slamer“ zu heftiger Kritik geraten. Dass sich diese Veranstaltungsart ungebrochener Beliebtheit erfreut, bestätigte Hendrik Harteman und verwies dabei auf die stets gut besuchten Poetry Slams, die jeden letzten Mittwoch im Monat in der Räucherkammer des Schlachthofs stattfinden. „Eigentlich die bestbesuchteste Literaturveranstaltung in Wiesbaden.“
Die Macher des Vereins hatten nicht ohne Grund geladen. Schließlich gibt es etwas zu feiern: das 15-jährige Bestehen von „Where the wild words are“. Am 26. Februar wird es im Salon der neuen Halle im Schlachthof hoch hergehen. Aktuelle Stars wie Catherine de la Roche, Tilman Döring oder auch die „alten Recken“ wie Stefan Schrahe und Karsten Hohage werden auftreten und sich den „Feiertagsgästen“ stellen. Eine Live-Band wird für die nötige Untermalung sorgen, wenn bei einer kleinen Gala Anekdoten der vergangenen 15 Jahre vorgestellt werden und die eine oder andere Überraschung zu erwarten sei. Aber dies ist noch geheim, wie das bei Geburtstagsüberraschungen so üblich ist.
Sponsor gesucht
Geburtstagswünsche? Klar. Viele Besucher und natürlich eine Verbesserung der finanziellen Situation, die durch die allgemeinen Kürzungen im Kulturbereich auch vor den „Wilden Worten“ nicht haltgemacht hat. Ein Sponsor wäre auch nicht zu verachten. Hoffen wir, dass alle Wünsche in Erfüllung gehen. Denn der Poetry Slam sollte unbedingt erhalten bleiben. Wer schon mal an so einer Veranstaltung teilgenommen hat, weiß, wie beim Dichterwettstreit die deutsche Sprache in all ihren Facetten geformt, gelebt und erlebt werden kann.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.02.2014, Seite 20

Ein Schriftsteller zwischen zwei Städten

Von Richard Lifka

WIESBADEN . Was haben Görlitz, die größte geteilte Stadt Europas und die Bauhaustil-Stadt, „die niemals schläft“, Tel Aviv, gemeinsam? Zumindest Michael Guggenheimer, der über beide Städte jeweils ein Buch geschrieben hat, weil dessen eigene Biografie mit beiden Orten eng verwoben ist. Aus der Partnerstadt Wiesbadens floh die Familie seiner Mutter 1933 nach Tel Aviv, wo nun er geboren wurde und zur Schule ging. Danach trieb es seine Eltern nach Europa zurück, zunächst nach Amsterdam. Heute lebt Guggenheimer in der Schweiz, ist Autor, Fotograf, Kulturnetzwerker, Moderator, Vorsitzender des Deutsch-Schweizer PEN Zentrums und noch einiges mehr.
Seine Muttersprache sei Iwrit (das moderne Hebräisch), er schreibe aber in Deutsch und sei kein Schriftsteller, sondern Texter, sagt der dunkel gekleidete Mann, und beantwortet die wohlformulierten und präzise gestellten Fragen der Moderatorin Viola Bolduan (Presseclub). Eingeladen hat der deutsch-polnische Kultursalon „Pokusa“ in Kooperation mit dem Wiesbadener Presseclub und dem Literaturhaus. Viele sind gekommen und keiner hat es bereut.

2014 02 Guggenheimer WK-Artikel

Format und Stil
Zunächst las der Autor aus dem Buch „Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft“. Auf der Suche nach den Wurzeln seiner Vorfahren erschreibt sich Guggenheim die Stadt und lässt Gegenwart und Vergangenheit ineinanderfließen. Noch viel eindringlicher und intensiver wirkten die Geschichten, die er aus seinem 2013 erschienenen Buch las: „Tel Aviv – Hafuch Gadol und Warten im Mersand“. Nicht nur der Titel bedarf der Erklärung (Hafuch Gadol ist ein großer Milchkaffee und Mersand der Name eines traditionsreichen und beliebten Cafés in Tel Aviv), sondern auch die Buchgestaltung, auf die der Verlag großen Wert und viel Liebe verwandt hat. Beim Versuch, das Format und die Art des Lesens auf einem elektronischen Gerät nachzuahmen (von oben nach unten scrollen), kommt das Buch in ganz eigenem Stil daher. Zusammen mit Fotografien des Autors, kreativen und verliebten Details, ist ein Gesamtkunstwerk entstanden, das sicherlich in dieser Art einmalig ist und bleiben wird.
Atmosphäre der Stadt
Genauso wie die Intensität der gelesenen Texte. Ob Guggenheimer vom Club der älteren, aus Europa stammenden, Damen mit ihren philippinischen Betreuerinnen erzählt, der sich werktäglich im Café Mersand trifft, die Atmosphäre der Stadt am Sabbat zeichnet, über die Probleme der Zweisprachigkeit oder die „Problemlosigkeit“ einer Taxifahrt berichtet, stets entstehen den Zuhörern die entsprechenden Bilder im Kopf. Auch die unterschwellige, aber permanente Angst vor Bombenattentaten konnte nicht den Wunsch trüben, die „weiße Stadt am Meer“ endlich einmal zu besuchen. Ein gelungener Abend mit einprägsamen Texten, einem sympathischen Autor und einer exzellenten Moderation, die das Publikum mit einem Extraapplaus honorierte.

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 08.02.2014, Seite 21