Kompliziertes Verhältnis

Von Richard Lifka

WIESBADEN. „Frauen wissen, wie sie sich fühlen, wenn sie nicht ganz klar im Kopf sind.“ Mit diesem Statement beendete Rose-Lore Scholz, die Wiesbadener Kulturdezernentin ihre Begrüßungsrede im Literaturhaus Villa Clementine. Nicht nur dieser Satz gab den zum Empfang der diesjährigen Krimistipendiatin Doris Gercke erschienenen Kulturschaffenden und Kommunalpolitikern Rätsel auf. Sicherlich auch die Frage, warum eine gut vorformulierte Rede so unverständlich vorgetragen wird oder auch warum die Dezernentin viermal hocherfreut die neue Leiterin des Fernsehkrimifestivals, Cathrin Ehrlich, begrüßte.
Wohlstrukturierte Fragen

2014 03 Doris Gercke-Artikel

Nun gut, nachdem dies überstanden war, leerten die Gäste die zum Empfang gereichten Gläser und begaben sich in den bis auf den letzten Stuhl gefüllten roten Salon. Angestrahlt von starkem Scheinwerferlicht des Hessischen Fernsehteams, nahmen Doris Gercke und die Moderatorin Margarete von Schwarzkopf auf der kleinen Bühne Platz und schlugen das Publikum in ihren Bann. Die gut formulierten und thematisch wohlstrukturierten Fragen der Moderatorin machten es der Autorin leicht, aufgeräumt und frei zu antworten, sodass sich sofort ein interessantes und unterhaltsames Gespräch entwickelte.
Natürlich ging es hauptsächlich um Gerckes bekannte Romanfigur, die Hamburger Ermittlerin Bella Block und den zuletzt erschienenen Roman „Zwischen Nacht und Tag“ (2012). Die Serie, die 1988 mit „Weinschröder, du musst hängen“ ihren Anfang nahm, sei nun zu Ende, sagte die Autorin, endgültig! Die literarische Bella Block war gemeint, nicht die aus der gleichnamigen Fernsehserie, die wird noch weiter ermitteln. Allerdings hätten beide Figuren (TV und Roman) außer dem Namen, kaum etwas gemein. Die gesamte Biografie, die sich Gercke für Bella Block ausgedacht hat und die in den Romanen immer eine Rolle spielte, sei in den Fernsehproduktionen völlig ausgeblendet. Und dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Zwar ist die Ermittlerin ein rein fiktives Produkt ihrer Erfinderin, aber die Romane als auch die Filme greifen stets hochaktuelle und gesellschaftlich relevante Themen auf und sind in der realen Welt angesiedelt. Nun jedoch sei Bella tot, bestätigte die Autorin, was wahrscheinlich am Ende des Jahres in einem Kurzkrimi aufgelöst werden wird.
Nachdem Gercke einige Passagen aus „Zwischen Nacht und Tag“ vorgelesen hatte, Passagen, in denen nicht ein einziges Mal die Ermittlerin erwähnt wurde, drängte sich die Frage zum Verhältnis Gercke-Block auf. Ein sehr kompliziertes, meinte die Schriftstellerin. Denn Bella gäbe es viermal: einmal als Teil der Autorin, einmal als Roman-, dann aber auch als Fernsehfigur und letztendlich die Schauspielerin Hannelore Hoger, die diese drei Figuren darstelle.
Dass Doris Gercke nicht nur Krimis schreibt, sondern ebenso Kinder- und Jugendbücher, Hörspiele und Gedichte, geht meist bei den Gesprächen unter. Dem zum Trotz las sie zum Abschluss drei amüsant-nachdenkliche Gedichte, die stark an Tucholsky oder Kästner erinnerten.

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 08.03.2014, Seite 35