Kein Ochs und kein Esel vor der Krippe

VILLA CLEMENTINE Tierkrimiautor Markus Bennemann zu Gast beim Wiesbadener Presseclub / Kreativität und Lernfähigkeit

WIESBADEN. Wie alle Jahre wieder begrüßte Feuilletonchefin Viola Bolduan die Mitglieder des Wiesbadener Presseclubs und moderierte gleichzeitig die letzte Veranstaltung des Jahres. Wobei die Moderation an sich schon ein Kunstwerk war, wie so mancher Zuhörer bei der Verabschiedung nicht umhin kam zu bemerken.
Keine leichte Aufgabe
Es war keine leichte Aufgabe, einen so vielseitigen Gast wie den Wiesbadener Markus Bennemann vorzustellen und zu würdigen. So ist er unter anderem Journalist, Übersetzter, Biologe, Autor und Krimiautor, genauer gesagt: Tierkrimiautor. Das war dann auch das Thema des Abends, eine Woche bevor Wildbraten und Weihnachtsgans auf den Tisch kommen. Zur Einstimmung verlas Bennemann eine Kolumne, die er im Wiesbadener Kurier veröffentlicht hatte, und Nachdenkliches über die sich in der Landeshauptstadt angesiedelten Nilgänse ausführte.
Merkte man hier schon die Gabe des Autors, sich in die Tiere einzufühlen, so wurde dies im zweiten Lesepart deutlich. In einem Kapitel aus seinem ersten Kriminalroman „Adlerblut“ wird aus Sicht des Adlerweibchens erzählt, wie es sich um das Nest, das Junge, sorgt, wie es dafür kämpft, damit der Nachwuchs am Leben bleibt. Ziemlich schlecht kommt dabei der Terzel weg, also das Adlermännchen. Als emanzipierte Adlerdame weist sie ihren Gatten zurecht, zeigt ihm, wo es langgeht und könnte eigentlich auf ihn verzichten, wenn sie ihn nicht für die Jagd auf die großen bunten Tiere benötigte.
War das für manchen eine zu starke Vermenschlichung, so unterstreicht es aber Bennemanns Anliegen. Einerseits in Kriminalromanen unterhaltsam Wissen über Tiere und ihr heutiges Leben vermitteln, andererseits auf die veränderten Lebensbedingungen in Flora und Fauna aufmerksam machen, wie etwa in seinem Video-Bericht über die Luchse in der Fasanerie und die Rückkehr schon fast ausgestorbener Arten. Gleichzeitig betont er, dass der Unterschied zwischen Tier und Mensch gar nicht so groß sei, wie es früher immer behauptet wurde.
Wie kreativ und lernfähig Tiere sind, kann man in seinem Buch „Im Fadenkreuz des Schützenfischs. Die raffiniertesten Morde im Tierreich“ nachlesen. Da gab es noch reichlich zu erzählen, doch die Zeit verging wie im Fluge, sodass am Ende der Moderatorin nichts übrigblieb, als darauf hinzuweisen, dass zwar „Ochs und Esel mehr als Weihnachtsgeschichte können“, sie erst viele Hundert Jahre nach Christi Geburt „dazu“ erfunden wurden und dass im Lukas-Evangelium, das uns ja die Weihnachtsgeschichte erzählt, kein Ochs und kein Esel im Stall vor der Krippe stehen.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.12.2014, Seite 22
Von Richard Lifka