„Sprachrohr“ der Opfer

Wiesbaden . Bis auf den letzten Platz war die Villa Clementine besetzt, und für diejenigen, die keinen freien Stuhl mehr gefunden hatten, wurde der Ton ins Literaturhaus-Café übertragen: Die Auschwitz-Überlebende Trude Simonsohn erzählt aus ihrem Leben und stellt mit der Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth ihr neues Buch vor: „Noch ein Glück“.

Die Veranstaltung, eine Kooperation von „Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte“, dem Kulturamt und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, erweckte manchmal den Anschein, ein Kreis von Freunden und Kennern der Lebensgeschichte der Zeitzeugin habe sich getroffen.

In stoischer Ruhe saß die 94-jährige Trude Simonsohn auf dem Podium des Wiesbadener Literaturhauses und erzählte aus ihrem Leben. Völlig unaufgeregt und routiniert schildert die in Mähren (heute Tschechische Republik) geborene Jüdin die Zeit von der Verhaftung 1942, bis zur Befreiung aus dem Konzentrationslager Merzdorf, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen. Nach ihrer Verhaftung hatte sie zunächst sechs Monate in einer Todeszelle verbracht, bevor sie ins Ghetto Theresienstadt verschleppt und von dort dann nach Auschwitz deportiert wurde.

Sie habe viele „Chancen“ gehabt, tot zu sein, sagte sie und erzählte dabei von Begegnungen mit Menschen, die ihr halfen, nicht nur Auschwitz, sondern die gesamte Nazizeit zu überleben. Wie und warum sie überlebte und was es braucht, damit solche Verbrechen nicht mehr geschehen würden, möchte sie seit vielen Jahren den Menschen zurufen. Das sei sie den Millionen Toten schuldig. Für sie spreche sie, sei ihr Sprachrohr.

Das macht die in Frankfurt lebende „Zeugin der großen politischen Verwerfungen im 20. Jahrhundert“ nun schon seit den 70er Jahren. Unermüdlich reist sie durchs Land und schildert, vor allem Schülern, ihre schrecklichen Erlebnisse. Damit nichts vergessen wird.

Und genau das sei auch der Grund, warum sie zusammen mit der Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth, die mit auf der Bühne saß, ein Buch geschrieben habe. „Noch ein Glück“ ist der Titel dieser Erinnerungen. Es sei wichtig, diese aufzuschreiben, betonte Elisabeth Abendroth, denn nur die Überlebenden des Holocaust könnten berichten, wie es wirklich war.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 11.09.2015, Seite 20

Von Richard Lifka