Alex Capus stellt sein neues Buch im Wiesbadener Literaturhaus vor

 

15.09.2012 – WIESBADEN Von Richard Lifka

Die Schweiz hat keine Nationalliteratur – sie hat Nationalliteraturen, stellte der Generalkonsul fest und betonte die Bedeutung der drei Hauptsprachen seines Landes für die entsprechenden „Dachländer“ Frankreich, Italien und Deutschland. Um dies zu verdeutlichen, startete das Wiesbadener Literaturhaus in Zusammenarbeit mit der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia die Reihe „Schweizer Literaten zu Gast in Wiesbaden“.

Geisterstädte in den USA

Den Reigen eröffnete der in der Normandie geborene und seit seinem sechsten Lebensjahr in der Schweiz lebende Schriftsteller Alex Capus. Wahrlich kein Unbekannter, der vor allem mit seinen Romanen „Léon und Louise“ und „Eine Frage der Zeit“ auch hierzulande große Erfolge feierte. Nun ist er mit seinem neuen Buch „Skidoo – Meine Reise durch die Geisterstädte des Wilden Westens“ unterwegs. Dabei handele es sich eigentlich um ein versehentlich gemachtes Buch, einen Reisebericht, den er und der Verlag aus einer Laune heraus verfasst und veröffentlicht hätten, verriet Capus augenzwinkernd den erstaunten Zuhörern.

Dann stellte er klar, dass er nicht vorlesen würde. Stattdessen lehnte er sich gemütlich zurück, schaltete die Leselampe aus und begann zu erzählen. Zunächst von seinem Wohnort, einer Kleinstadt im Kanton Solothurn und den Geschichten, die er dort fand und aufschrieb. Die Beschreibung seines Hauses, seiner Familie und den Oltener Bürgern geriet unmerklich in einen Exkurs über Realität und Fiktion, Dichtung und Wahrheit. Je genauer er reale Personen übernehmen würde, um so weniger würden sie von denen identifiziert, wohingegen sich Oltener in reinen Fantasiefiguren sofort wiedererkannten, was ihn zu dem Resümee veranlasste: „Menschen erkennen sich nicht“. Wie geschickt er diesen Ausflug in seine Poetik dem folgenden Reisebericht durch den ehemaligen „Wilden Westen“ voranstellte, zeigte sich nach und nach, wenn er von den faktischen Gegebenheiten amerikanischer Geisterstädte erzählte und dem Neuen, dem literarischen Werk, das daraus wurde. Ob er nun von dem Atomphysiker Felix Bloch berichtete und dessen moralischem Dilemma, sich geweigert zu haben, die Atombombe mitzubauen, obwohl er als deutschstämmiger Jude ja daran interessiert gewesen sein musste, eine Waffe gegen den Holocaust zu entwickeln.

Oder wenn er von Desperados erzählte, deren Leben viel langweiliger war, als in Büchern und Filmen geschildert, und wie es dazu kam, dass nach der Entdeckung einer riesigen Silbermine aus den gesuchten Postkutschenräubern angesehene Bürger wurden. Stets sind die Erzählungen witzig und stets schürte er Zweifel über deren Fiktion und Faktizität. Zumal er immer betonte, so sei es wirklich gewesen. Ein wunderbarer Abend mit einem begnadeten Erzähler, dessen Konzept des Nicht-Lesens aufging, wie die Schlange am Büchertisch bewies.

Artikel unter: http://www.wiesbadener-kurier.de/region/kultur/literatur/12421472.htm

Intendant verspricht Vielfalt und Qualität

NEUJAHRSEMPFANG
Freunde des Staatstheaters: Rückblick und Ausblick mit Szenen, Arien,
Filmsequenzen und Kostproben aus dem Programm


Vom 11.01.2010

WIESBADEN. Ein Theater lebt nicht nur vom Ensemble und den
Bühnenschaffenden. Ohne die Menschen vor der Bühne, also dem Publikum,
gäbe es kein Theater und auch nicht ohne gute Freunde. Das weiß das
Hessische Staatstheater und bedankt sich jedes Jahr bei seinen Freunden
und Gönnern mit einem Neujahrsempfang am Sonntag Vormittag. Sie wurden
auch in diesem Jahr von Intendant Manfred Beilharz begrüßt. Nachdem das
vollbesetzte Große Haus vom „Zigeunerchor“ aus Verdis Oper „Der
Troubadour (Il trovatore)“ empfangen worden war, betrat er die Bühne
und zog ein kurzes Resümee der Ereignisse und Vorstellungen des
vergangenen Jahres.

Was das Publikum im neuen Jahr erwartet, wurde danach in lockerer
Abfolge von Szenen, Arien, Filmsequenzen und Ausschnitten aus dem
reichhaltigen Programm vorgestellt. Vielfalt und Qualität, hatte
Beilharz versprochen. Dieses Versprechen hielten zumindest die
vorgestellten Kostproben. Das junge Staatstheater zeigte Alice im
Wunderland bei einem Gespräch mit dem Ei auf der Mauer. Es folgte ein
Duett aus Falstaff (Giuseppe Verdi), „Carmencita“ aus dem Ballettabend
„Labyrinth“ und ein Dialog aus Ben Jonsons „Valpone“. Ein Film kündigte
das Schauspiel „Das Gähnen der Leere“ an, das am selben Abend in der
Wartburg uraufgeführt würde. Die hungrige Topfpflanze aus der
Musicalproduktion des jugend-club-theaters „Der kleine Horrorladen“
setzte sich beeindruckend in Szene, bevor der Chor des Staatstheaters
mit dem Schlussteil aus Schumanns lyrischem Drama „Das Paradies und die
Peri“ den anregenden Sonntagvormittag beendete.

Aber nicht nur Unterhaltsames wurde geboten. Der Vorsitzende der
Gesellschaft der Freunde des Staatstheaters Wiesbaden, Bernd Kummer,
ließ in seiner Begrüßungs- und Dankesrede den kritischen Hinweis an die
Rechtsträger des Wiesbadener Staatstheaters, die Landeshauptstadt und
das Land Hessen, einfließen, dass die beschlossene Tariferhöhung nicht
zu Lasten des Theaters gehen dürfe. Das klang schon sehr flehentlich
und hinterließ den Eindruck, dass im neuen Jahr, noch einiges auf das
Theater zukommen wird.

Wahre Bedeutungen

17.11.2009 – WIESBADEN

Von Richard Lifka

KURIER-KULTUR Lothar Schöne stellt sein Wörterbuch im Pressehaus vor

Ein Wörterbuch ist ein Nachschlagewerk, das Wörter oder andere sprachliche Einheiten in einer Liste verzeichnet, und jedem Eintrag erklärende Informationen oder sprachliche Äquivalente zuordnet. Was aber nun ist ein „Schönes Wörterbuch“? Zunächst einmal ein wohl gestaltetes Buch, mit wunderbaren Zeichnungen von Walter

Hanel, wortspielerisch von Lothar Schöne verfasst. Auch inhaltlich schön?

Um dies festzustellen, hatte der Wiesbadener Kurier, in der Reihe Buch Habel bei Kurier-Kultur, den im Taunus lebenden Autor und früheren Journalisten ins Pressehaus geladen. Ein beinahe überwältigender Ansturm von Besuchern kam in das im Caféhausstil hergerichtete Foyer, um der Mehrdeutigkeit des Titels auf die Spur zu kommen. Viola Bolduan, Leiterin der Feuilleton-Redaktion des Wiesbadener Kurier begrüßte und führte souverän und schlagfertig durch den Abend.

Der Inhalt des Buches besteht aus einer alphabetischen Sammlung von Begriffserklärungen. Begriffe, die keiner weiteren Systematik unterliegen, sondern beim Autor „angeklopft haben und bearbeitet werden wollten“. Bearbeitet heißt in diesem Falle erklärt, neu erklärt, oder wie Schöne sagt, die heutige, wahre Bedeutung beschrieben.

Herausgekommen ist ein Nachschlagewerk, vollgefüllt mit sarkastischen Erklärungen, witzigen Bonmots und spritzigen Aphorismen. Bei jeder Begriffsdefinition, die der Autor, Daria Jedrych und Viola Bolduan von A bis Z im Wechsel verlasen, blitzte genauso abwechslungsreich Humor, Boshaftigkeit, Ironie, Witz, und Sarkasmus auf. Es blieb kaum Zeit, über Hintergründigkeit oder moralische Qualität der Pointen nachzudenken, den auch die musikalischen Pausen forderte den ganzen Zuhörer.

Besenstiel und Wäscheleine

Das Heidelberger Duo Huub Dutch, mit selbst gebautem „Wäscheleinophon“, einem schwarzen Speiskübel, Besenstiel und Wäscheleine und Chris Oettinger am Piano, zogen schon mit den ersten Takten das Publikum in Bann. Swingender Jazz, souliger Gesang und treibender Rhythmus verführten, ohne dass es einer besonderen Aufforderung bedurfte, die Anwesenden mitzusingen, mitzuklatschen oder zumindest unentwegt die Füße im Takt zu wippen; gleich, ob es nun Stings „Englishman in New York“ mit eingebautem Holländisch-Sprachkurs war, ein Titel von Paolo Conte oder die vertonte Version von Wilhelm Buschs „Max und Moritz“.

Eine gelungene Veranstaltung, eine sehr unterhaltsame Buchpräsentation, die dann auch mit einer großen Dosis der harmlosen Droge mit hohem Suchtpotiential, so Schönes Definition von Applaus, endete.

Verborgene Schicksale

14.11.2009 – WIESBADEN

Von Richard Lifka

KRIMIHERBST Schockierend nüchtern: „Tödliche Tatsachen“ im Wiesbadener Polizeipräsidium

„Tödliche Tatsachen“, eine Theatermontage aus 18 Akten, die im Rahmen des Krimiherbstes in Kooperation mit der Gesellschaft Bürger und Polizei im Wiesbadener Polizeipräsidium Westhessen aufgeführt wurde. Zunächst mussten die vielen Besucher am Eingang ihre Ausweise abgeben und wurden dann, unter polizeilicher „Bewachung“ durch das labyrinthartigen Gebäude ins Dachgeschoss eskortiert. Dort erwartete sie eine ebenerdige Bühne, eine büroähnliche Kulisse, mit vielen Kisten voller Akten mit unnatürlichen Todesfällen. Akten, die im Laufe des Abends nach und nach geöffnet wurden.

Leichensachen im Karton

Am Ende lag dann jede Leichensache wieder in ihrem Karton, umhüllt von einem Vorhang des Schweigens, kurz noch einmal beleuchtet, um dann für immer dem Vergessen anheimgestellt zu werden. 18 reale Todesfälle, Mord, Totschlag, Suizid oder Unfall, fein säuberlich protokollierte Auffindsituationen und Zeugenbefragungen der Wiesbadener Kriminalpolizei wurden für 90 Minuten aus dem Archiv befreit, entstaubt, um den dahinter verborgenen Schicksalen auf die Spur zu kommen. Die lapidaren Aufzeichnungen der Polizeibeamten, die in ihrer Klarheit und Emotionslosigkeit schockierend nüchtern wirkten, entwickelten durch das laute Verlesen eine ganz eigene Sicht auf gewaltsame Todesarten. Kaum gelesen, wurden Momentaufnahmen jedes einzelnen Falles, in Gedichtsform verpackt, dem Zuhörer präsentiert und damit die Rätselhaftigkeit menschlicher Abgründe erhellt.

Das abrupte und unablässige Hin und Her zwischen diesen beiden Textformen, der drastische Wechsel von einem Leichenfund zum anderen, hielt das totenstille Publikum von Anfang bis Ende in Atem. Die beiden Schauspieler der Theatergruppe IGNOUS, Ariane Klüpfel und Patrick Twinem, schlüpften gekonnt übergangslos von einer Rolle in die nächste und wieder zurück. Vom tröstenden Kriminalkommissar in einen an einem Fleischbrocken erstickenden 120 Kilo-Mann, von der Polizeiassistentin in eine verhungernde junge Frau, vom konsumgeilen Pärchen, das mordet, um in Ruhe einkaufen zu können, zum Amokläufer in einem Westernsaloon. Kaum zu folgen wäre dem Geschehen auf der Bühne, hätte es nicht jeweils einige Schweigesekunden gegeben, immer dann, wenn der Aktendeckel erneut, mit einem kleinen Licht erhellt, im Archiv begraben wurde.

In seiner Inszenierung hat Uli Wirtz-von Mengden die Kriminalgedichte von Gisela Winterling und die neu formulierten und anonymisierten Polizeiprotokolle von Dorothea Jung in beeindruckend schwermütige Minidramen umgesetzt, die am Ende den Besucher sehr nachdenklich und bedrückt aus „Tödlichen Tatsachen“ in seine eigene Realität entlassen.

Den Umgang mit der Sprache lernen und Geschichten erzählen

Preisverleihung des Wettbewerbs „Junges Literaturforum Hessen -Thüringen“ in der Wartburg

Beim Schreiben von literarischen Texten wird der sorgfältige Umgang mit Sprache gelernt. Trotz der vielfältigen elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten, ist die Umsetzung einer Geschichte in einen literarischen Text, beispielsweise die einer großen Liebe, die per elektronischer Post in einem Chatraum begann und mit einer lapidaren SMS beendet wurde, den jungen Leuten immer noch sehr wichtig. Dies betonte der Staatssekretär des thüringischen Kultusministeriums Professor Dr.
Walter Bauer-Wabnegg während der 26. Preisverleihung des Wettbewerbs „Junges Literaturforum Hessen-Thüringen“ in Wiesbaden. Fast fünfhundert hessische und thüringische junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren, hatten in diesem Jahr ihre Texte eingereicht, um einen der begehrten Preise zu gewinnen. Insgesamt 31 Preisträger wurden während der Feierlichkeiten in der Wartburg ausgezeichnet. Alle Texte, Kurzgeschichten oder Gedichte, sind in der Anthologie „Nagelprobe“ veröffentlicht. 15 Preisträgerinnen und Preisträger werden außerdem zu einem Autorenseminar eingeladen und die zehn Besten erhalten zusätzlich noch einen Förderpreis in Höhe von 500 Euro. Nach der Begrüßungen durch Intendant Dr. Manfred Beilharz und Günter Schmitteckert (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst), der Laudatio der Journalistin und Lyrikerin Martina Dreisbach, die selbst 1984 Preisträgerin dieses Wettbewerbs war, wurden die Gewinnertexte von Mitgliedern des Jungen Staatstheaters Wiesbaden in szenischen Lesungen vorgetragen. Die musikalischen Übergänge zu den doch sehr unterschiedlichen Texten, wurden sehr einfühlsam von Markus Leis (Klavier) und Florian Maiberger (elektrische Gitarre) gespielt. Am Ende der Veranstaltung wurde den Preisträgern eine Urkunde überreicht, unter ihnen der Wiesbadener Sven Safarow, dessen Kurzgeschichte „Alle Jahre wieder“ in der „Nagelprobe“ nachgelesen werden kann. Alle vorgetragenen Texte überzeugten durch gute Ideen, atmosphärische Dichte und souveränen Umgang mit der Sprache. Dass derartige Förderpreise sinnvoll und wichtig sind, zeigt alleine schon, wie viele schriftstellerische Karrieren, stellvertretend seien hier genannt Ricarda Junge und Thomas Hettche, beim „Jungen Literaturforum“ ihren Anfang nahmen.

Licht und Schatten richtig verteilen

Historiker Frank-Lothar Kroll über sein neues Buch „Die Hohenzollern“

Von Richard Lifka

WIESBADEN. Interessiert heute eigentlich noch irgendjemanden die Geschichte eines Adelsgeschlechts, wenn es nicht Kaiserinnen wie Sissi hervorbrachte? Welche Bedeutung hat es, ob ein König oder Kaiser ein Wittelsbacher, Zähringer oder Habsburger war? Allerdings erfreuen sich dynastiegeschichtliche Darstellungen seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit. Dies meinte zumindest der an der Technischen Universität Chemnitz lehrende Historiker Frank-Lothar Kroll bei der Vorstellung seines neuen Buches „Die Hohenzollern“.

Da der Vortrag in der Bibliothek der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) stattfand, war zu vermuten, dass das Thema etwas mit Politik zu tun hat. Dies betonte dann auch der Direktor der HLZ, Bernd Heidenreich, während der Vorstellung des Gastes und seinen einführenden Worten. Schließlich haben die ursprünglich aus Schwaben stammenden Hohenzollern ein Königreich gegründet, das unter dem Namen Preußen für einige Furore in der europäischen Geschichte sorgte und von 1871 bis 1918 das deutsche Kaiserreich regierte. Um heutige Politik zu verstehen, müsse man die Geschichte Preußens kennen und über dessen Herrscher Bescheid wissen.

Jedenfalls scheint die Bedeutung dieser Fragestellung nur Menschen wichtig zu sein, die eine gewisse Weisheit erreicht haben, denn der Altersdurchschnitt der zahlreichen Zuhörer lag weit über sechzig Jahre. Oder lag es daran, dass die Veranstaltung schon um 17 Uhr begann, zu einer Zeit also, wo im Berufs- und Schulalltag eingebundene Menschen es kaum schaffen können, daran teilzunehmen?

Preußen besser als ihr Ruf

Krolls Vortrag war locker, verständlich und kurzweilig. Nach einem kurzen Abriss preußischer Geschichte, von der Entstehung des Königreichs, seinem Aufstieg zum Höhepunkt der Macht im 18. und 19. Jahrhundert, bis zum schmählichen Untergang, ging der Historiker intensiver auf einige der Könige ein, die aus der Hohenzollern-Dynastie hervorgegangen waren.

Nicht sehr viel Neues kam da zum Vorschein, bis auf die Erkenntnis, dass die preußischen Herrscher im Vergleich mit ihren jeweiligen europäischen Kollegen gar nicht so schlecht waren, wie es uns die bisherige Geschichtsschreibung weiß machen will. Es komme darauf an, Licht und Schatten dieser Regenten richtig zu verteilen, resümierte Kroll, bevor ihn das Publikum in eine Diskussion darüber verstrickte, wie viele Kriege Preußen nun tatsächlich angezettelt habe oder von seinen europäischen Widersachern ursprünglich verursacht worden waren.

Frank-Lothar Kroll: „Die Hohenzollern“, C.H. Beck Wissen, München. 128 S., 7,90 Euro

Realistisch, knapp und ironisch

Autorin Dorothea Friedrich liest im Presseclub

Von Richard Lifka

WIESBADEN Wenn im Dezember im Wiesbadener Presseclub ein Glöckchen klingelt, so deutet dies nicht nur darauf hin, dass Weihnachten vor der Tür steht, sondern auch die letzte von 40 Veranstaltungen des Jahres beginnt. Geläutet hatte Kurier-Feuilletonchefin Viola Bolduan, um dann den zahlreichen Gästen die Akteure des Abends vorzustellen. Die Journalistin und Buchautorin Dorothea Friedrich war gekommen, um über ihre Bücher, ihre Tätigkeit bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und für ihre Art des Schreibens Rede und Antwort zu stehen und natürlich auch Kostproben aus ihren Texten vorzutragen. Für die stimmungsvolle musikalische Umrahmung sorgten Franziska Ferdinand (Geige) und Raphaela Queck (Klavier), zwei Schülerinnen des Gutenberg-Gymnasiums und der Musik- und Kunstschule.

Die in Heidelberg geborene Friedrich studierte in München und arbeitete dann bei verschiedenen Zeitungen und Rundfunksendern. Mit Texten über berühmte Liebespaare wurde sie als Buchautorin bekannt. Besonders ihr Buch über die Ehe des Filmstars Anny Ondra mit dem deutschen Boxweltmeister Max Schmeling belegt die präzise und intensive Arbeit der Autorin. Viele unbekannte Details werden enthüllt, und durch ihren schonungslos realistischen, knappen und oft ironischen Stil werden die faktischen Grundlagen ihrer Recherche zu einem Lesevergnügen.

Aber es gibt auch kürzere Texte von ihr. Aus dem Sammelband „Berühmte Liebespaare“ las die Autorin die Beziehungsgeschichte zwischen Stummfilmstar Gloria Swanson und Joseph Patrick Kennedy. Der Inhalt des Textes, nämlich die ungeschminkte Wahrheit über den Gangster und Begründer des Kennedy-Clans, stand im starken Kontrast zum, leisen, fast emotionslosen Vortrag. Eine andere, aber durchaus nicht glücklichere Liebesbeziehung, schildert der Text über das Liebespaar Simone Signoret und Yves Montand. Schade, dass ein Abend so schnell zu Ende geht.

Originelle Poetin mit eigenständigem Tonfall

Originelle Poetin mit eigenständigem Tonfall

George-Konell-Preis an Silke Scheuermann

Von Richard Lifka

WIESBADEN Es ist schon merkwürdig: Da verleiht die Stadt Wiesbaden alle zwei Jahre einen hochdotierten und angesehenen Literaturpreis, und es scheint nur wenige Menschen zu interessieren. Woran das liegt?

Sicherlich nicht am festlichen Programm. Der große Festsaal des Rathauses ist ein würdiger Ort, die Begrüßungsworte durch den Oberbürgermeister Helmut Müller, die Anwesenheit von Kulturreferentin Rita Thies und mehreren Magistratsmitgliedern unterstrich die Bedeutung, und die stimmungsvolle Untermalung durch das Klarinetten Trio der Musik- und Kunsthochschule gab der Veranstaltung einen feierlichen Rahmen.

Schon zum zehnten Mal wurde der von der Witwe des Wiesbadener Schriftstellers Georg Konell gestiftete Preis an eine Autorin oder einen Autor für sein Lebenswerk oder für ein vielversprechendes Talent vergeben. Auch an den Preisträgern kann es nicht liegen. Mit Gudrun Pausewang (1998), Stefan Kaluza (2000), Katja Behrens (2002), Ricarda Junge (2004) und Peter Kurzeck (2006) waren es weder Eintagsfliegen noch unbekannte Schriftsteller, die mit dem Preis ausgezeichnet wurden.

Dieses Jahr hatte sich die Jury für die 35-jährige in Frankfurt lebende Autorin Silke Scheuermann entschieden, die seit ihrem Lyrik-Debüt „Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen“ (2001) mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde und als eine der wichtigsten literarischen Entdeckungen der letzten Jahre gefeiert wird.

So bezeichnete sie auch der Literaturkritiker Uwe Wittstock in seiner Laudatio als eine hochbegabte Schriftstellerin und eine originelle Poetin. Besonders ausführlich ging er auf den „biografischen Vampirismus“ ein, das Motiv, das sich wie ein roter Faden durch das bisherige Werk der Schriftstellerin ziehe. Mit ihrem zeitdiagnostischen Erzählen in den Prosatexten (Wittstock) und dem eigenständigen Tonfall ihrer Lyrik (Jury) sei sie eine würdige Preisträgerin, was Silke Scheuermann anschließend mit dem Vortrag der Gedichte „Träumende Bücher“ und „Die Art, wie Gedichte arbeiten“ beeindruckend unter Beweis stellte.

Eichhörnchen als gewissenlose Mörder

Lesung mit Markus Bennemann im Pressehaus
Von Richard Lifka

WIESBADEN In der Reihe „Buch Habel bei Kurier Kultur“ fand die letzte Veranstaltung in diesem Jahr weihnachtsgeschäftsbedingt im Pressehaus statt. Unter die zahlreichen Besucher hatten sich neben Tierliebhabern, Krimifans auch Journalisten gemischt. Nicht von ungefähr. Galt es doch, dem ehemaligen Redakteur beim Wiesbadener Kurier Markus Bennemann bei der Vorstellung seines aktuellen Buchs neugierig-gespannt zuzuhören und von dessen Ermittlungsergebnissen bei 42 Mordfällen zu erfahren.

Selten verlief eine Buchvorstellung über grausame Tötungsdelikte und perfide Mordpläne derart locker und humorvoll. Schon die witzig-ironischen Fragen von Kurier-Feuilletonchefin Viola Bolduan, die den Abend moderierte, ließen deutlich erkennen, welchen Spaß und Eindruck die Lektüre des Sachbuchs „Im Fadenkreuz des Schützenfischs“ gemacht und hinterlassen haben. Fasziniert lauschten die Zuhörer, wenn der Wiesbadener Autor vom Massenmörder Marienkäfer berichtete – oder wie hinterhältig-raffiniert Glühwürmchenfrauen beim Anlocken ihrer Opfer agieren.

Als Bennemann dann auch noch die herzigen Eichhörnchen als brutale und gewissenlose Mörder von Vogelküken enttarnte, ging nicht nur ein Aufschrei durch die Eichenhörnchenschutzgemeinschaft, die sich vehement gegen die Diffamierung ihres Lieblingstierchens wehrte, sondern wurde auch so mancher Kopf im Pressehaus ungläubig hin und her gewiegt. Genau hier scheiden sich die Geister beziehungsweise die eigenen Empfindungen. Indem wir unsere menschlichen Moralvorstellungen auf die Tierwelt übertragen, entsteht dieser Zwiespalt zwischen der Faszination über den Erfindungsreichtum der Natur und der Erkenntnis der brutalen Lebensrealität im Kampf um Erhaltung und Fortpflanzung der jeweiligen Art. „Im Fadenkreuz des Schützenfischs“ werden neueste wissenschaftliche Ergebnisse dargestellt und somit faktisches Wissen vermittelt. Zusammen mit der verständlichen, ironischen und unterhaltsamen Darstellungsweise bleiben beim Leser keine Wünsche offen – außer vielleicht noch weitere Geschichten von tierischen Täter und Opfern in einem nächsten Band lesen zu dürfen.

Markus Bennemann: „Im Fadenkreuz des Schützenfischs. Die raffiniertesten Morde im Tierreich“; Eichborn, Frankfurt; 256 Seiten; 19,95 Euro.

Wo, in Zeus´ Namen, liegt Kilikien?

Raoul Schrott beim Rheingau Literatur Festival

Von Richard Lifka

GEISENHEIM Was ist los, wenn sich zweihundert Menschen bei Kerzenlicht im Gewölbe der Sektkellerei Bardong in Geisenheim versammeln und bei stickig-warmer Luft über zwei Stunden lang gebannt ausharren? Ein mit Tiroler Akzent sprechender Mittvierziger betritt die Bühne und wird vom Publikum des Rheingau Literatur Festivals wie ein Popstar empfangen. Er ist kein Sänger, trägt aber einen Gesang vor, ist kein Prediger, spricht aber über Götter, ist kein Politiker, berichtet aber von blutigen Schlachten. Vor allem ist er kein Revolutionär, schreibt aber das Skandalbuch des Jahres.

Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott hat nichts anderes getan als schon viele vor ihm. Er hat ein 2500 Jahre altes Werk übersetzt. Das in 24 Gesänge aufgeteilte Epos heißt „Ilias“, und den Autor nennen wir Homer. Obwohl das nicht sein Name war, stellt Raoul Schrott sofort klar, als Moderator Heiner Boehncke seine erste Frage stellt. Wie von Athene geküsst, löst die knappe Frage einen Redeschwall des Gastes aus. Den Zuhörern schwirrt der Kopf, was da an Wissen, Ideen und Forschungsergebnissen auf sie einprasselt – und so verständlich, dass auch derjenige, dem die griechische Mythologie bisher eher verschlossen geblieben war, Lust bekommt, sich mit dem Trojanischen Krieg, Achilleus, Agamemnon und wie die Urväter der europäischen Kulturgeschichte alle heißen, zu beschäftigen.

Populistisches Gehabe nennen das Schrotts Gegner, renommierte Altphilologen, Althistoriker und Schliemanns Erben. Schrotts Thesen haben deren Homer-Bild und Wissen über den abendländischen Ursprungsmythos stark ins Wanken gebracht. Da gibt es auch einiges zu diskutieren. Homer sei kein Grieche gewesen, sondern ein assyrisch gebildeter Schreiber, die Trojanischen Kriege hätten nicht in Troja stattgefunden, sondern in der kilikischen Ebene. Kilikien, in der türkischen Kniebeuge zu Syrien hin gelegen, sei Homers Heimat, und dort spiele sein Epos. Schrotts Buch „Homers Heimat“ hat den gesamten Kulturbetrieb aufgemischt.

Genauso umstritten ist die Übersetzung: Der heutigen Sprache nahe gebracht, ist verzeihlich, aber auch dem heutigem Geist – ist das nicht ein Sündenfall? Aus diesem Sündenfall las Schrott eine Stunde lang vor, manchmal in Altgriechisch, zumeist jedoch in seinem Deutsch. Und das faszinierte. Weitere Gäste des Festivals waren an diesem Wochenende: Jenny Erpenbeck, Jan Seghers und Oliver Bock.