Originelle Poetin mit eigenständigem Tonfall

Originelle Poetin mit eigenständigem Tonfall

George-Konell-Preis an Silke Scheuermann

Von Richard Lifka

WIESBADEN Es ist schon merkwürdig: Da verleiht die Stadt Wiesbaden alle zwei Jahre einen hochdotierten und angesehenen Literaturpreis, und es scheint nur wenige Menschen zu interessieren. Woran das liegt?

Sicherlich nicht am festlichen Programm. Der große Festsaal des Rathauses ist ein würdiger Ort, die Begrüßungsworte durch den Oberbürgermeister Helmut Müller, die Anwesenheit von Kulturreferentin Rita Thies und mehreren Magistratsmitgliedern unterstrich die Bedeutung, und die stimmungsvolle Untermalung durch das Klarinetten Trio der Musik- und Kunsthochschule gab der Veranstaltung einen feierlichen Rahmen.

Schon zum zehnten Mal wurde der von der Witwe des Wiesbadener Schriftstellers Georg Konell gestiftete Preis an eine Autorin oder einen Autor für sein Lebenswerk oder für ein vielversprechendes Talent vergeben. Auch an den Preisträgern kann es nicht liegen. Mit Gudrun Pausewang (1998), Stefan Kaluza (2000), Katja Behrens (2002), Ricarda Junge (2004) und Peter Kurzeck (2006) waren es weder Eintagsfliegen noch unbekannte Schriftsteller, die mit dem Preis ausgezeichnet wurden.

Dieses Jahr hatte sich die Jury für die 35-jährige in Frankfurt lebende Autorin Silke Scheuermann entschieden, die seit ihrem Lyrik-Debüt „Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen“ (2001) mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde und als eine der wichtigsten literarischen Entdeckungen der letzten Jahre gefeiert wird.

So bezeichnete sie auch der Literaturkritiker Uwe Wittstock in seiner Laudatio als eine hochbegabte Schriftstellerin und eine originelle Poetin. Besonders ausführlich ging er auf den „biografischen Vampirismus“ ein, das Motiv, das sich wie ein roter Faden durch das bisherige Werk der Schriftstellerin ziehe. Mit ihrem zeitdiagnostischen Erzählen in den Prosatexten (Wittstock) und dem eigenständigen Tonfall ihrer Lyrik (Jury) sei sie eine würdige Preisträgerin, was Silke Scheuermann anschließend mit dem Vortrag der Gedichte „Träumende Bücher“ und „Die Art, wie Gedichte arbeiten“ beeindruckend unter Beweis stellte.

Eichhörnchen als gewissenlose Mörder

Lesung mit Markus Bennemann im Pressehaus
Von Richard Lifka

WIESBADEN In der Reihe „Buch Habel bei Kurier Kultur“ fand die letzte Veranstaltung in diesem Jahr weihnachtsgeschäftsbedingt im Pressehaus statt. Unter die zahlreichen Besucher hatten sich neben Tierliebhabern, Krimifans auch Journalisten gemischt. Nicht von ungefähr. Galt es doch, dem ehemaligen Redakteur beim Wiesbadener Kurier Markus Bennemann bei der Vorstellung seines aktuellen Buchs neugierig-gespannt zuzuhören und von dessen Ermittlungsergebnissen bei 42 Mordfällen zu erfahren.

Selten verlief eine Buchvorstellung über grausame Tötungsdelikte und perfide Mordpläne derart locker und humorvoll. Schon die witzig-ironischen Fragen von Kurier-Feuilletonchefin Viola Bolduan, die den Abend moderierte, ließen deutlich erkennen, welchen Spaß und Eindruck die Lektüre des Sachbuchs „Im Fadenkreuz des Schützenfischs“ gemacht und hinterlassen haben. Fasziniert lauschten die Zuhörer, wenn der Wiesbadener Autor vom Massenmörder Marienkäfer berichtete – oder wie hinterhältig-raffiniert Glühwürmchenfrauen beim Anlocken ihrer Opfer agieren.

Als Bennemann dann auch noch die herzigen Eichhörnchen als brutale und gewissenlose Mörder von Vogelküken enttarnte, ging nicht nur ein Aufschrei durch die Eichenhörnchenschutzgemeinschaft, die sich vehement gegen die Diffamierung ihres Lieblingstierchens wehrte, sondern wurde auch so mancher Kopf im Pressehaus ungläubig hin und her gewiegt. Genau hier scheiden sich die Geister beziehungsweise die eigenen Empfindungen. Indem wir unsere menschlichen Moralvorstellungen auf die Tierwelt übertragen, entsteht dieser Zwiespalt zwischen der Faszination über den Erfindungsreichtum der Natur und der Erkenntnis der brutalen Lebensrealität im Kampf um Erhaltung und Fortpflanzung der jeweiligen Art. „Im Fadenkreuz des Schützenfischs“ werden neueste wissenschaftliche Ergebnisse dargestellt und somit faktisches Wissen vermittelt. Zusammen mit der verständlichen, ironischen und unterhaltsamen Darstellungsweise bleiben beim Leser keine Wünsche offen – außer vielleicht noch weitere Geschichten von tierischen Täter und Opfern in einem nächsten Band lesen zu dürfen.

Markus Bennemann: „Im Fadenkreuz des Schützenfischs. Die raffiniertesten Morde im Tierreich“; Eichborn, Frankfurt; 256 Seiten; 19,95 Euro.

Wo, in Zeus´ Namen, liegt Kilikien?

Raoul Schrott beim Rheingau Literatur Festival

Von Richard Lifka

GEISENHEIM Was ist los, wenn sich zweihundert Menschen bei Kerzenlicht im Gewölbe der Sektkellerei Bardong in Geisenheim versammeln und bei stickig-warmer Luft über zwei Stunden lang gebannt ausharren? Ein mit Tiroler Akzent sprechender Mittvierziger betritt die Bühne und wird vom Publikum des Rheingau Literatur Festivals wie ein Popstar empfangen. Er ist kein Sänger, trägt aber einen Gesang vor, ist kein Prediger, spricht aber über Götter, ist kein Politiker, berichtet aber von blutigen Schlachten. Vor allem ist er kein Revolutionär, schreibt aber das Skandalbuch des Jahres.

Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott hat nichts anderes getan als schon viele vor ihm. Er hat ein 2500 Jahre altes Werk übersetzt. Das in 24 Gesänge aufgeteilte Epos heißt „Ilias“, und den Autor nennen wir Homer. Obwohl das nicht sein Name war, stellt Raoul Schrott sofort klar, als Moderator Heiner Boehncke seine erste Frage stellt. Wie von Athene geküsst, löst die knappe Frage einen Redeschwall des Gastes aus. Den Zuhörern schwirrt der Kopf, was da an Wissen, Ideen und Forschungsergebnissen auf sie einprasselt – und so verständlich, dass auch derjenige, dem die griechische Mythologie bisher eher verschlossen geblieben war, Lust bekommt, sich mit dem Trojanischen Krieg, Achilleus, Agamemnon und wie die Urväter der europäischen Kulturgeschichte alle heißen, zu beschäftigen.

Populistisches Gehabe nennen das Schrotts Gegner, renommierte Altphilologen, Althistoriker und Schliemanns Erben. Schrotts Thesen haben deren Homer-Bild und Wissen über den abendländischen Ursprungsmythos stark ins Wanken gebracht. Da gibt es auch einiges zu diskutieren. Homer sei kein Grieche gewesen, sondern ein assyrisch gebildeter Schreiber, die Trojanischen Kriege hätten nicht in Troja stattgefunden, sondern in der kilikischen Ebene. Kilikien, in der türkischen Kniebeuge zu Syrien hin gelegen, sei Homers Heimat, und dort spiele sein Epos. Schrotts Buch „Homers Heimat“ hat den gesamten Kulturbetrieb aufgemischt.

Genauso umstritten ist die Übersetzung: Der heutigen Sprache nahe gebracht, ist verzeihlich, aber auch dem heutigem Geist – ist das nicht ein Sündenfall? Aus diesem Sündenfall las Schrott eine Stunde lang vor, manchmal in Altgriechisch, zumeist jedoch in seinem Deutsch. Und das faszinierte. Weitere Gäste des Festivals waren an diesem Wochenende: Jenny Erpenbeck, Jan Seghers und Oliver Bock.

Wenn ich über Liebe schreibe …

… denke ich an den Tod

Lesung mit Schriftstellerin Keto von Waberer im Literaturhaus
Von Richard Lifka

WIESBADEN Die Aufrechterhaltung der Lebensqualität von Menschen, die unheilbar erkrankt sind, die nur noch eine begrenzte Lebenserwartung haben, ist das Hauptziel der Palliativmedizin. Ein Kongress dieser Mediziner tagt zurzeit in Wiesbaden und wird mit einer vom Kulturamt organisierten Veranstaltungsreihe umrahmt. Dass es dabei um Fragen des Sterbens, den Umgang mit Tod und den Verlust geliebter Menschen geht, ist zwangsläufig. Ein Thema, das schon immer Gegenstand von Literatur war und ist. Das Wiesbadener Literaturhaus hatte dazu die in München lebende Schriftstellerin Keto von Waberer geladen.

Zwei ihrer Werke stellte sie in Auszügen vor und diskutierte mit dem vorwiegend weiblichen Publikum unter Moderation der Journalistin Shirin Sojitrawalla darüber. In ihrem Buch „Schwestern“ thematisierte die Autorin den realen Tod ihrer Schwester, um die dadurch ausgelöste eigene Lebenskrise zu verarbeiten. Aber auch, um das Leben dieses geliebten Menschen der Gefahr des Vergessenwerdens zu entreißen. „Ich bin der Chronist der Geschichte meiner Schwester.“ Natürlich sieht Keto von Waberer die Problematik einer derartigen „Betroffenheitsliteratur“ und erklärte sehr anschaulich, wie der Schreibprozess dazu führt, dass am Ende die Autorin selbst nicht mehr weiß: Was sind in dem Erzählten wahre, was sind erfundene Erinnerungen? Ihr aktuelles Buch „Umarmungen“ ist eine Sammlung von zwölf Erzählungen.

Geschichten, „natürlich mit Tod, irgendwie“, die das Thema der Unmöglichkeit des immerwährenden Glücks umkreisen, die einzelne Karten des „Memory-Spiel des Lebens“ aufdecken. Die Erzählung „Stella“, die die Schriftstellerin vorlas, beeindruckte durch die Bilder, die sie hervorrief und die in den Köpfen der Zuhörer in den Räumen des Presseclubs einen sehr individuellen Film ablaufen ließen.

Die anschließende Diskussion über den Umgang mit Sterben und Tod in unserer Gesellschaft – beispielsweise im Vergleich zu aztekischen Trauerritualen (Keto von Waberer lebte für mehrere Jahre in Mexiko) – zeigte, wie wichtig es ist, darüber zu schreiben, um offen über das Thema sprechen zu können.

Keto von Waberer: „Umarmungen“, Berliner Taschenbuch Verlag, 2007; 160 Seiten 7,50 Euro.

Anspruchslosigkeit, Fröhlichkeit und –

natürlich – Liebe

Schauspieler Bernd Ripken bei den Burghofspielen: „Aus dem Leben eines Taugenichts“
Von Richard Lifka

ELTVILLE Ein Taugenichts ist ein Mensch, der zu nichts taugt oder einen Lebensstil pflegt, der niemandem etwas nützt. In der Literatur, vorrangig des 19. und 20. Jahrhunderts, wurden auch Nachkommen bürgerlicher Familien mit diesem Namen bedacht, die sich nicht der Familientradition anschlossen, bürgerliche Berufe zu ergreifen, sondern sich entschlossen, eigene Wege zu gehen. Einen der berühmtesten aller Tunichtgute hat Joseph von Eichendorff geschaffen und ihn in einer Novelle aus seinem Leben erzählen lassen. Das Geschehen wird aus der Ich-Erzähler-Perspektive geschildert, so dass der Leser lediglich die subjektive Schilderung des Geschehens erfährt und somit auch in die Gefühls- und Gemütslage des Helden eingebunden ist. Die wiederum steht im Wechselspiel zwischen herrschendem Naturzustand und dem Befinden der Menschen um ihn herum.

Welcher Text könnte geeigneter sein, ihn im Freien, so im Langwerther Hof in Eltville, im Wechselspiel des Wetters, von stechender Sonne bis böigem Wind, musikalisch begleitet, vorgetragen zu werden. Der jeweiligen seelischen Verfassung des Taugenichts Rechnung tragend, ließen Jana Bousková ihre Harfe und Roman Novotny seine Querflöte lustig, quirlig singen oder traurig, dunkel klagen.

Hervorgerufen wurden diese wechselnden Stimmungslagen von Schauspieler Bernd Ripken. Gelassen im Ledersessel sitzend, las er die ersten beiden Kapitel von „Aus dem Leben eines Taugenichts“ und entführte im Nu nicht nur sich, sondern auch die Musiker und das Publikum in die Welt eines jungen Mannes, der gegen den Erwartungsdruck des Vaters ziellos in die weite Welt sich schickt, um sein Glück zu machen. Glück, das für einen Taugenichts bedeutet: Anspruchslosigkeit, Fröhlichkeit und – natürlich – Liebe.

Hintergründiger Humor aus einer Traumstadt und Irrenanstalt

Literarisch-musikalische Matinee mit Rosemarie Fendel und Olaf van Gonnissens
Von Richard Lifka

Wer bis jetzt den Münchner Dichter Peter Paul Althaus noch nicht kannte, der hat ihn bei den diesjährigen Rheingauer Bughofspielen kennengelernt. Nicht nur kennengelernt, sondern sicherlich auch ins Herz geschlossen. An dem, was im Langenwerher Hof zu Eltville, zwei Stunden lang an beißend ironischen Texten mit hintergründigem Humor in gereimten Unverschämtheiten auf die vielen Zuhörer niederprasselte, wird noch lange zu knappern sein. Denn durch den scheinbar unerschöpflichen Humor des P.P.A., wie sich der Kabarettist selbst nannte, schimmerte oft große Wehmut und Melancholie. Unvergleichlich einfühlsam von der Schauspielerin Rosemarie Fendel vorgetragen, wurde den nun schon über 50 Jahre alten Texten Leben eingehaucht, wurden sie jung, frisch und aktuell. Unter welch innerlichen Qualen der Dichter seine humorvollen Werke hervorbrachte, lässt sich schon allein aus dem Motto ablesen, unter dem die literarisch-musikalische Matinee stand: „Wirklich lebe ich nur nachts in meinen Träumen“. In diesen Nächten lebte Althaus in einer eigenen Welt, „In der Traumstadt“ (erschienen 1951). Fendel, die zurückhaltend und nervös begann, steigerte sich mit jedem Gedicht, tauchte immer tiefer in die Traumwelt des Dichters ein und brillierte dann mit Texten aus „Dr. Enzian“ (1952). Nach der Pause entführte sie das Publikum in eine Irrenanstalt, voll besetzt mit „sanften Irren“ (1956). „Wir sanften Irren leben etwas hinterm Mond / wir haben seine andre Seite oft betrachtet. / Wir sind das Leben hinterm Mond gewohnt; / es ist dort immer etwas leicht umnachtet.“ Gespannt lauschend erfuhren die außerhalb dieser Anstalt Lebenden, nicht nur, warum die sanften Irren die Tageszeitung verkehrtherum halten, sondern beispielsweise auch, dass Gottes Anschrift nicht im Adressbuch eines Marsianers steht. Die Spannung konnten auch laut krächzende Krähen (es klang fast zustimmend), läutende Glocken oder sich im Landeanflug befindliche Flugzeuge nicht unterbrechen. Noch gesteigert wurde sie durch die akustische Gitarre Olaf van Gonnissens, der die Texte musikalisch untermalte, manchmal mit ihnen Zwiesprache hielt und fein abgestimmt Fendels Vortrag begleitete.

Eine unheimliche „Schöne Geschichte“

Ricarda Junge stellte im Presseclub ihren neuen Roman vor
Von Richard Lifka

„Lieben kann man nur, wenn man nicht an den Tod denkt“, sagt der Freund der Ich-Erzählerin Marie im ersten Abschnitt des neuen Romans von Ricarda Junge. Aber wie sollte Marie den Tod vergessen, wenn das „Zischen aus ihrer Lunge“ sie stets an ihn erinnert. Trotz sommerlicher Schwüle und Fußballfieber waren viele Besucher der Einladung des „Fördervereins Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine“ gefolgt, um in den Räumen des Presseclubs „Eine schöne Geschichte“ zu hören, eine Geschichte von der Suche nach Leben und Liebe, vom Verlieren und Wiederfinden. Aber nicht nur Maries Intensität der Gefühle, angesichts ihres bevorstehenden Todes, wirken unheimlich. Sie und ihre Freundin Colina studieren in einer namenlosen Stadt, in der Menschen und Häuser verschwinden, in der im nächsten Moment nichts mehr so ist, wie zuvor. Dennoch geht nichts verloren, alles taucht wieder auf, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Marie hat die Liebe gefunden. Unerschütterlich glaubt sie daran, trotz aller Irrwege und der ständigen Angst vor dem Verlust. Dieses Verlieren- und Wiederfinden-Szenario wiederholt sich im zweiten Erzählabschnitt, nun jedoch in einem geschlossenen Raum, einem mysteriösen Hotel. Nur Frauen dürfen die Hotelzimmer bewohnen, Männer werden im Keller untergebracht. Die Geschehnisse und Beschreibungen eines Geheimganges überspringt die Schriftstellerin zwei Mal bewusst und weist die gespannt lauschenden Zuhörer daraufhin. Sicherlich, kein leicht zu lesendes Buch, aber ein Roman, dessen Rhythmus und Sprachklang den Leser in seinen Bann zieht und nicht mehr los lässt. Im anschließenden Gespräch, mit der wie immer souverän moderierenden Feuilletonisten Viola Bolduan, machte Ricarda Junge klar, dass im Schreib- und Überarbeitungsprozess ein Text mit Eigenleben entsteht, dessen Wirkung vom Autor nicht zu überblicken ist. Nach diesem unbeschreiblichen Geschehen, wisse das Buch mehr als dessen Urheber. Dieses Wissen zu nutzen und zu erkennen ist nun die Aufgabe des Lesers, des Kritikers und des Literaturwissenschaftlers.
Info: Ricarda Junge: „Eine schöne Geschichte“, S. Fischer Verlag, 256 Seiten, 17,90 Euro