Mit einem "woamen" Lemming durch Wien

Auch in Österreich werden Krimis geschrieben / Neue Romane zweier Autoren und einer Autorin
Vom 29.11.2006
Von

Richard Lifka

WIESBADEN „Auch Österreicher schreiben Krimis“, diese erstaunliche Feststellung stand am 25. Juni vergangenen Jahres in den Salzburger Nachrichten. Der Autor dieses Artikels war sicherlich kein Krimifachmann. Denn solange es deutschsprachige Krimis gibt, gibt es auch österreichische Autorinnen und Autoren. Besonders in Wien leben viele gute und bekannte Krimischreiber.

Einer von ihnen ist Günther Zäuner. Dem Schriftsteller, Drehbuchautor, Journalist und Regisseur wurde 1995 die Goldene Ehrennadel der Bundeskriminalbeamten Österreichs für besondere Verdienste verliehen. Neben zahlreichen TV-Dokumentationen u.a. über die Drogenmafia, hat Zäuner Sachbücher und vier Kriminalromane veröffentlicht. Sein Serienermittler Kokoschansky begann seine Tätigkeit 2003.

Mit „Kokoschanskys Dämon“ erschien diese Tage ein exzellent recherchierter Thriller, dem es an Authentizität nicht mangelt. Während eines Gottesdienstes in Wien fliegt die Kirche in die Luft und gleichzeitig wird in Niederösterreich ein Priester erstochen. Von Österreich aus greift plötzlich der Terror auf ganz Europa über. Arabische Bekennerschreiben deuten auf islamische Extremisten. Kokoschansky glaubt nicht, dass radikale Moslems die Täter sind. Immer tiefer gerät er in das Netzwerk einer Sekte und seine Gegner sitzen selbst in den obersten Etagen von Polizei, Politik und den Geheimdiensten.

Mit einer toten Frau in der Donau, in Bunny-Kostüm und teurem Mantel, gefoltert und ohne Identität, beginnt der dritte Krimi der in Wien lebenden Sabina Naber. Wie schon mit ihrem Debüt „Die Namensvetterin“ (2003) verlässt die Autorin in „Die Debütantin“ das klassische Krimigenre, vermischt Mord und Sex und endet doch nicht in einem Erotikthriller. Ein spannungsgeladener Plot und brillant gezeichnete Figuren entführen den Leser in ein Wien abseits der Kaffeehäuser, Zuckerbäcker- und Touristen-Kulissen. Die Ermittlungen führen die Kommissarin Maria Kouba in einen sehr komplexen Fall, bei dem Sabina Naber es schafft, unterschwellig und ohne erhobenen Zeigefinger das Thema Rassismus einzuflechten.

Aus Polizeidienst entlassenFür sein Krimidebüt „Der Fall des Lemming“ erhielt Stefan Slupetzky 2005 den Glauser-Preis, den Krimi-Oscar der deutschsprachigen Autoren. Mit „Lemming“ hat er eine sehr eigenbrötlerische und typisch wienerische Figur erschaffen. Der ehemalige Kommissar, der, nachdem sein Vorgesetzter Krotznig dafür gesorgt hatte, dass er aus dem Polizeidienst entlassen wurde, ermittelt nun als eine Art Privatdetektiv in Wien. Lemming ist nicht sein richtiger Name. Eigentlich heißt er Leopold Wallisch. Seinen Spitznamen hatte er weg, nachdem er bei einem Einsatz nicht schnell genug die Waffe zückte und Krotznig ihn vor der Mannschaft als „woamer Lemming“ beschimpfte.

Im aktuellen Roman „Das Schweigen des Lemming“ spielt Stefan Slupetzky fantasievoll mit einem tatsächlich geschehenen, mysteriösen Kunstraub und legt eine höchst verwickelte Krimikomödie vor, die sich der Kunst, den Besonderheiten Wiens und dem Leben an sich widmet.

Der ehemalige Musiker und Zeichenlehrer schrieb Kinder- und Jugendbücher, für die er zahlreiche Preise erhielt, bevor er mit Bühnenstücken, Kurzgeschichten und Romanen begann. Slupetzky versteht seine spannenden, skurrilen und abgründigen Bücher explizit als Wiener Krimis. Da seine Romane voller historischer Bezüge stecken und auch nicht mit Beschreibungen real existierender Orte geizen, ist es für den Krimi- und Wienliebhaber nicht nur ein besonderes Vergnügen mit dem „Lemming“ die Wiener Unterwelt kennen zu lernen, sondern auch die Schauplätze abzugehen oder, wie Slupetzky empfiehlt, per Straßenbahn zu erforschen.

Metzelsupp und andere (un)gesunde Rezepte

„Tatorte Hessen kulinarisch“ – eine Krimianthologie nicht nur zum Lesen

Von Richard Lifka

20.09.2006

Seit Anfang September heißt es im Wiesbadener Kurier „Der Kurier tischt auf. Gesund essen. Fit genießen“. Aber Essen und Trinken hat auch etwas mit Leidenschaft zu tun, und das im zunehmenden Maße. Nicht nur das Zelebrieren der Speisen soll die Sinne ansprechen, auch die Zubereitung wird immer häufiger leidenschaftlich-öffentlich betrieben (Stichwort: Kochduell). Natürlich hatten und haben auch Schriftsteller zu diesem Thema etwas zu sagen beziehungsweise zu schreiben. Man denke nur an „Der Butt“ von Günter Grass oder „Es muß nicht immer Kaviar sein“ von Johannes Mario Simmel. Wie viel stärker aber trifft dies auf Krimiautorinnen und Autoren zu. Verbrechen geschehen aus Leidenschaft, sei es aus Geldgier, Eifersucht, Liebe, Hass oder einer fanatischen Überzeugung heraus. Wie viele Menschen sind schon beim oder nach dem Verzehr einer guten Speise literarisch gestorben. Nicht schlechte Küche oder gar Gammelfleisch, übrigens ein Wort, das beste Chancen hat, zum Unwort des Jahres zu werden, sind ursächlich Schuld am Hinscheiden so manchem ungeliebten Menschen. Eher sind es die unsichtbaren, nicht schmeck- und riechbaren kleinen Beigaben, die normalerweise nicht im Kochbuch stehen. Zur Essenszubereitung und zum Krimischreiben werden Rezepte und Kreativität benötigt. Was liegt also näher, Autoren zu beauftragen, eine Geschichte zu schreiben (zu erfinden?), in der ein Gericht oder ein Getränk eine gewichtige Rolle spielt. Sind es dann noch hessische Krimischreiber, die nach regionalen Spezialitäten recherchieren, kommt eine Anthologie von vierzehn geschmackvollen Kurzkrimis zustande. „Tatorte Hessen kulinarisch“, so lautet der Titel des im Frankfurter Societäts Verlag erschienen Buches. Großen Wert legte der Herausgeber Lothar Ruske auf die praktische Umsetzbarkeit der einzelnen Rezepte – Kochrezepte – und hat sie, nach eigener Aussage, auch alle selbst ausprobiert. Da er noch unter den Lebenden weilt, kann man diese Anthologie getrost seiner Kochbuchsammlung hinzufügen. Spannende Storys und leckere Kochrezepte, die im Buch auch abgedruckt sind, haben die hessischen Mitglieder der deutschsprachigen Krimiautorenvereinigung „Syndikat“ zusammengetragen. So variantenreich die Mordgeschichten sind, so unterschiedlich sind auch die Rezepte und ihre regionale (hessische) Herkunft. Ob in Frankfurt zwei Frauen sich bei „Grüner Soße“ kennen lernen und daraus eine lebensverändernde Begegnung wird, in der Rhön ein Mann seine Ex-Gattin mit vorgehaltener Waffe zwingt, ihm „Grüne Pfannkuchen“ zu machen, in Wiesbaden-Frauenstein eine peinliche Liebeserklärung bei „Armer Ritter“ ihr grausames Ende findet, beim Verzehr eines „Vogelsberger Milchzicklein“ oder bei der Zubereitung von „Metzelsupp“ (Schlachtsuppe) sich menschliche Tragödien abspielen, die Geschichten und Rezepte verdeutlichen die kriminalliterarische als auch lukullische Vielfalt Hessens. Wer nun immer noch nicht genügend Anregungen für köstlich-mörderische Gerichte hat, dem sei das im KBV Verlag erschienene Buch „Arsen und Kartöffelchen“ empfohlen, dreißig Kurzkrimis rund um die „tollen Knollen“ inklusive zehn Kartoffelrezepten.

Infos:

„Tatorte Hessen kulinarisch“; Hrsg. Lothar Ruske, Frankfurt 2006; ISBN 3-7973-1006-4
„Arsen und Kartöffelchen“ ´, Hrsg. Marita & Jürgen Alberts, Hillesheim 2006; ISBN 3-937001-94-8

Richter, Revolutionär und Krimiautor

Der Schriftsteller Jodocus Donatus Hubertus Temme

Von Richard Lifka

„ … Es war gegen sieben Uhr, als er durch das Spitalhölzli ging … Am Fuße der Anhöhe, die er zur Fortsetzung seines Weges hinaufsteigen musste, sah er einen Mann auf dem Boden liegen, dicht neben dem Wege, nach dem Flusse hin. Er dachte, es sei ein Betrunkener, kümmerte sich daher nicht weiter um ihn und setzte seinen Weg fort.“

So beginnt der Kriminalroman „Studentenmord in Zürich“ von Jodocus Donatus Hubertus Temme. Ein Name, den der passionierte Krimileser sicherlich nicht so schnell vergessen würde, hätte er ihn schon einmal gehört oder einen Roman von ihm zu Gesicht bekommen. Aber der Schriftsteller, wohl einer der meistgelesenen Krimiautoren seiner Zeit und wichtigste Vertreter der deutschen Kriminalprosa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde vergessen und seine Bücher sind vielleicht noch in einem Antiquariat zu finden. J.D.H. Temme wurde 1798 in Westfalen geboren. Zunächst sah alles nach einer glanzvollen juristischen Karriere aus: 1839 wird er zum Rat am neu eingerichteten Kriminalgericht in Berlin ernannt, wo er 1842 zum Zweiten Direktor avancierte. 1845 aber wurde er wegen zu „liberaler“ Äußerungen nach Tilsit strafversetzt. Drei Jahre später kehrte er als Staatsanwalt zurück und wurde Mitglied der Berliner Nationalversammlung. In Münster verurteilte ihn 1851 die wieder erstarkte Reaktion als aktives Mitglied der verfassungsgebenden Versammlung wegen Aufruhrs und Hochverrats, nach dem er zuvor mehrere Jahre in Untersuchungshaft gesessen hatte. Temme wurde aus dem Dienst entlassen und verlor seine Pensionsansprüche. Für kurze Zeit arbeitete er als Redakteur bei der Neuen Oderzeitung, musste jedoch, nach neuerlichen politischen Attacken, mit seiner Familie in die Schweiz emigrieren. Dort blieb er bis zu seinem Tod 1881. In Zürich bekam er zwar eine Professur an der Staatswissenschaftlichen Fakultät, blieb allerdings unbesoldet, was für den Juristen ein herber Schlag, für die Kriminalliteratur aber ein Glücksfall war. Temme musste seinen Lebensunterhalt verdienen, indem er seine Erlebnisse bei Gericht zu literarischen Erzählungen ausarbeitete. Zwar hatte er schon im Gefängnis vier Romane geschrieben, von denen drei bald schon als „Revolutions-Romane“ verboten wurden, der überwiegende Teil seines Werkes entstand jedoch in der Schweiz. Von den vielen Veröffentlichungen seien hier nur die vierbändige Sammlung „Deutsche Criminalgeschichten“ von 1858/59 und die zehn Bände „Criminal-Novellen“ von 1860-64 erwähnt. 1872 erschien der schon erwähnte Krimi „Studentenmord in Zürich“, den Temme selbst als die Wiedergabe eines „Kriminalprozesses über einen politischen Mord, der noch immer in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist“ bezeichnete. Der auf Tatsachen beruhende Fall wird akribisch nachgezeichnet, des Ermordeten Lebensumstände skizziert und die letzten Lebenstage anhand von Gerichtsakten und Zeugenaussagen rekonstruiert. Der „Studentenmord in Zürich“ ist nicht nur eine literarisch verarbeitete Gerichtsberichterstattung, sondern zeichnet auch ein sorgsam gestaltetes Sittenbild der Schweiz aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zählt zu den Vorläufern des modernen Kriminalromans, der mehr bietet als das bloße Lösen eines detektivischen Rätsels à la Poe oder Conan Doyle. Ein Nachdruck der Erstausgabe erschien diese Tage in der Reihe „Schweizer Texte“. Ein spannendes und aufschlussreiches Buch für alle, die sich für Kriminalliteratur interessieren.

Info:

Temme, Jodocus Donatus Hubertus
Der Studentenmord in Zürich
Criminalgeschichte
Herausgegeben von Paul Ott und Kurt Stadelmann
Reihe: Schweizer Texte, Neue Folge. Band: 23
2006. 114 S. ISBN 3-0340-0768-X