Ein Schriftsteller zwischen zwei Städten

Von Richard Lifka

WIESBADEN . Was haben Görlitz, die größte geteilte Stadt Europas und die Bauhaustil-Stadt, „die niemals schläft“, Tel Aviv, gemeinsam? Zumindest Michael Guggenheimer, der über beide Städte jeweils ein Buch geschrieben hat, weil dessen eigene Biografie mit beiden Orten eng verwoben ist. Aus der Partnerstadt Wiesbadens floh die Familie seiner Mutter 1933 nach Tel Aviv, wo nun er geboren wurde und zur Schule ging. Danach trieb es seine Eltern nach Europa zurück, zunächst nach Amsterdam. Heute lebt Guggenheimer in der Schweiz, ist Autor, Fotograf, Kulturnetzwerker, Moderator, Vorsitzender des Deutsch-Schweizer PEN Zentrums und noch einiges mehr.
Seine Muttersprache sei Iwrit (das moderne Hebräisch), er schreibe aber in Deutsch und sei kein Schriftsteller, sondern Texter, sagt der dunkel gekleidete Mann, und beantwortet die wohlformulierten und präzise gestellten Fragen der Moderatorin Viola Bolduan (Presseclub). Eingeladen hat der deutsch-polnische Kultursalon „Pokusa“ in Kooperation mit dem Wiesbadener Presseclub und dem Literaturhaus. Viele sind gekommen und keiner hat es bereut.

2014 02 Guggenheimer WK-Artikel

Format und Stil
Zunächst las der Autor aus dem Buch „Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft“. Auf der Suche nach den Wurzeln seiner Vorfahren erschreibt sich Guggenheim die Stadt und lässt Gegenwart und Vergangenheit ineinanderfließen. Noch viel eindringlicher und intensiver wirkten die Geschichten, die er aus seinem 2013 erschienenen Buch las: „Tel Aviv – Hafuch Gadol und Warten im Mersand“. Nicht nur der Titel bedarf der Erklärung (Hafuch Gadol ist ein großer Milchkaffee und Mersand der Name eines traditionsreichen und beliebten Cafés in Tel Aviv), sondern auch die Buchgestaltung, auf die der Verlag großen Wert und viel Liebe verwandt hat. Beim Versuch, das Format und die Art des Lesens auf einem elektronischen Gerät nachzuahmen (von oben nach unten scrollen), kommt das Buch in ganz eigenem Stil daher. Zusammen mit Fotografien des Autors, kreativen und verliebten Details, ist ein Gesamtkunstwerk entstanden, das sicherlich in dieser Art einmalig ist und bleiben wird.
Atmosphäre der Stadt
Genauso wie die Intensität der gelesenen Texte. Ob Guggenheimer vom Club der älteren, aus Europa stammenden, Damen mit ihren philippinischen Betreuerinnen erzählt, der sich werktäglich im Café Mersand trifft, die Atmosphäre der Stadt am Sabbat zeichnet, über die Probleme der Zweisprachigkeit oder die „Problemlosigkeit“ einer Taxifahrt berichtet, stets entstehen den Zuhörern die entsprechenden Bilder im Kopf. Auch die unterschwellige, aber permanente Angst vor Bombenattentaten konnte nicht den Wunsch trüben, die „weiße Stadt am Meer“ endlich einmal zu besuchen. Ein gelungener Abend mit einprägsamen Texten, einem sympathischen Autor und einer exzellenten Moderation, die das Publikum mit einem Extraapplaus honorierte.

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 08.02.2014, Seite 21

Auf der Suche nach dem Selbst

 

RLF II Mainzer Stadtschreiber Peter Stamm liest aus „Nacht ist der Tag“ im Weingut Baron Knyphausen

Michael Herrmann, Intendant des Rheingau-Literatur-Festivals begrüßte im Erbacher Weingut Baron Knyphausen Autor Peter Stamm als Stammgast. Ein Kalauer, den der Schweizer wohl nicht zum ersten Mal vernahm. Gemeint war, dass der Schriftsteller nicht nur im Jahr 2000 den Rheingau-Literaturpreis erhalten habe, sondern zum vierten Mal am Programm teilnahm – in diesem Jahr als aktueller Mainzer Stadtschreiber über den Rhein gekommen sei. Auch die Bemerkung, im Rheingau scheine stets die Sonne, wenn Peter Stamm anreist, mag als Überleitung zu dessen meist im Nebel ihrer Existenz herumirrenden Romanfiguren durchgehen. Allerdings war es auch Hinweis auf das anschließende Gespräch zwischen Schriftsteller und Moderator Martin Maria Schwarz. Es blieb oberflächlich.

Und der Zweck der Kunst?

Das Thema der „Suche nach dem Selbst“, das Stamm in seinem neuen Roman „Nacht ist der Tag“ aufgegriffen hat, sei „schwierig“, betonte der Autor mehrmals. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer definiert mich? Das waren die Fragen. Aber auch die nach dem Nutzen der Kunst wurde gestellt. Warum schreiben wir Bücher oder malen Bilder? Das alles habe keinen praktischen Wert im Vergleich etwa zum Backen von Brot. Ob nun provokant oder ironisch gemeint, wurde nicht klar, denn kurze Zeit später stellte Stamm fest, natürlich habe Kunst einen Zweck. Nur welchen, blieb unerörtert.

Anregender wurde es, nachdem Stamm den Anfang des Buches vorgelesen hatte. Auch in „Nacht ist der Tag“ beginnt die Handlung im Krankenzimmer, genauso wie in Martin Walsers neuem Roman „Die Inszenierung“, der gleichfalls auf dem Festival vorgestellt wurde (wie berichtet). Bei Stamm ist es Gillian, die das klischeehaft stilvolle Leben einer Fernsehmoderatorin führte, bevor sie bei einem Autounfall nicht nur ihren Mann, sondern auch ihr Gesicht verlor. Real und metaphorisch. Während die Ärzte versuchen, „das Loch im Gesicht“ plastisch zu schließen, ist Gillian auf der Suche nach sich selbst. Wieder ist es Stamms vielgerühmter Stil der knappen und schnörkellosen Sätze, der im Kopf des Lesers starke Bilder entstehen lässt. Die scheinbar gefühllose Distanz des Erzählers zu einer dermaßen emotionsbeladenen Handlung schafft viel Platz für Fantasien.

In der Szene, die vor dem Unfall spielt, wird der zweite Protagonist vorgestellt. Es ist der dünnhäutige Aktmaler Hubert, dem Gillian Modell steht. Durch den Wechsel der Erzählperspektive rückt die Betrachtung der Frau von außen in den Fokus. Sie wird zum Objekt des Künstlers, ist nicht mehr sie selbst. Der Spiegel, mit dem Gillian im Krankenhaus sich selbst zu erkennen sucht, verwandelt sich in die Augen des Malers, der einen ganz anderen Mensch findet.

30.09.2013 – ERBACH

Gehoppel durchs Langgedicht

 

Wiesbaden . Der Lyrik ein Fest, so das Thema, das Eva Demski, die diesjährige Gastgeberin der Wiesbadener Literaturtage, gewählt hat. Das Gedicht vom Sockel der Weimarer Klassik heben und deutlich machen, dass Gedichte Genussmittel, Kampfzone und auch ein schöpferischer Ort der Sprache und Freude sind.
Nach der Eröffnungsfeier am Sonntag, sollten nun die beiden ersten Gäste, die ehemalige Wiesbadener Poetikdozentin Silke Scheuermann aus Offenbach und Paulus Böhmer aus Frankfurt am Main, im Literaturhaus Villa Clementine mit Leben, Traum und Tod die moderne Lyrik feiern. Soweit das Vorhaben.
Manch Ungemach
Um es gleich vorweg zu sagen: Das war kein Fest, das war eine mühsame, unter keinem guten Stern stehende Veranstaltung. Für manches Ungemach waren die Akteure nicht verantwortlich, wie eine nervige Mikrofonanlage, einen grippalen Infekt Silke Scheuermanns, die nach einer hochwasserbedingten Odyssee aufgelöst zur Lesung angereist war oder die wenigen Zuhörer.
Was aber anzulasten ist, ist das unvorbereitete Auftreten Böhmers als auch Eva Demskis als Moderatorin des Abends. Der Frankfurter Lyriker hoppelte sich betonungs- und gestenlos 15 Seite lang durch ein Langdicht, verlas sich fortwährend oder brummelte oft Unverständliches. Auch bei dem zweiten, später vorgelesenen Text war dies nicht anders.
Langatmige Fragensuche
Dies ahnend, hatte die Gastgeberin zuvor das Publikum darauf hingewiesen: „Ich bitte Sie, genau zuzuhören. Aber das machen Sie ja, dafür sind Sie ja hergekommen.“ Danach suchte sie langatmig nach zu formulierenden Fragen, die dann wenig Erkenntnisreiches hervorbrachten, wie zum Beispiel: „In welchem Stadium der Liebe schreibt sich ein Liebesgedicht am besten? Am Anfang, in der Mitte oder am Ende?“ Worauf Silke Schermann nichts anders antworten konnte als: „Je nachdem. Am Anfang, in der Mitte oder am Ende.“ Eine weitere Frage: „Was ist wichtiger (beim Gedichte schreiben), das Machen oder das Verstanden werden?“ Silke Scheuermann versuchte zu relativieren, das Machen sei ja schließlich zuerst, und wenn das Gemachte dann auch noch verstanden würde, wäre das schon gut. Schließlich wolle sie ja auch Bücher verkaufen. Dieser Gedanke wurde von Eva Demski abgeschmettert. Das sei ja wohl kein Ziel. Paulus Böhmer antwortete, wie nicht anders zu erwarten, dass das Machen das Wichtigste sei. So ging es fort.
Die Erkenntnis, die das Publikum „wie Vögel im Kopf“ mit nach Hause nehmen konnte, nachdem Eva Demski es geschafft hatte, eventuelle Fragen zu unterdrücken: Nicht jeder begnadete Dichter ist ein ebensolcher Vorleser oder Moderator, und die wunderbaren Gedichte muss man einfach selbst lesen, um ihre Schönheit und Wortgewaltigkeit genießen zu können.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 05.06.2013, Seite 20

Interesse an denen neben der Spur

 

Von Richard Lifka
WIESBADEN . Die Regisseurin und Filmemacherin Stella Tinbergen erhält in diesem Jahr das Christa-Moering-Stipendium der Stadt Wiesbaden, das seit 2009 jährlich zu Ehren der Wiesbadener Ehrenbürgerin in wechselnden Sparten vergeben wird.
Voraussetzung für die Verleihung ist, dass der Wohn-, Arbeits- oder Geburtsort der Künstlerin oder des Künstlers Wiesbaden ist. Mit dem Preisgeld von 5000 Euro sollen die künstlerischen Leistungen geehrt und die weitere künstlerische Entwicklung gefördert werden. Nach den Sparten Bildende Kunst (Nicole Ahland), Tanz (Desirée Lehmann-Carpzov Alvarez) und Schauspiel (Franziska Werner) wurde im letzten Jahr das Bewerbungsverfahren in der Sparte Film ausgeschrieben.
Nun hat die Jury entschieden und Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz zu einer Pressekonferenz ins Rathaus eingeladen, um die Preisträgerin vorzustellen. Die in Wiesbaden geborene und lebende Stella Tinbergen bewarb sich mit einem Exposé zu dem Dokumentarfilm „Hanna Bekker vom Rath – Botschafterin der Kunst“ und reichte als „Arbeitsprobe“ den Film „Otto Ritschl – Das Leuchten der Farben“ ein. „Mich interessieren vor allem Menschen, die nicht in der Spur sind. Starke, mutige Menschen“, schilderte die Filmemacherin die Auswahl der Persönlichkeiten, über die sie eine Dokumentation macht oder machen will.
Genauso eine Person sei Hanna Bekker von Rath gewesen. Die 1893 in Frankfurt geborene Malerin, Sammlerin und Kunsthändlerin hätte sich ihr Leben lang für die Förderung von Künstlern eingesetzt. So habe sie im Nationalsozialismus heimlich Ausstellungen von verbotenen Malern organisiert oder in den 50er Jahren den Expressionisten Ludwig Meidner aus einem Altersheim geholt und ihm ein Haus zur Verfügung gestellt.
Nimmt man zu dem Film über Otto Ritschl und den über Hanna Bekker von Rath noch den Dokumentarfilm über Marianne von Werefkin hinzu, so wird die Vorliebe Tinbergens nicht nur für die Malerei deutlich, sondern es zeigt sich auch immer ein Bezug zu Alexej Jawlensky und so wieder nach Wiesbaden.
Wie Stella Tinbergen sich ihren Figuren nähert, wie sie die verschiedenen Facetten und die Entwicklung einer Persönlichkeit aus verschiedenen Blickwinkeln filmisch herausarbeitet, beeindruckte die Jury sofort und sprach ihr deshalb den Preis zu. Die Kulturdezernentin versprach, dass zur offiziellen Preisverleihung im Herbst der Film „Hanna Bekker vom Rath – Botschafterin der Kunst“ im Caligari zu sehen sein wird.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 27.04.2013, Seite 21

Jan Seghers stellt beim Rheingau Literatur Festival seinen noch unveröffentlichten Krimi vor

Das Rheingau Literatur Festival ist immer für eine Überraschung gut. Nicht was die Lokalität anbelangt, denn das Kellergewölbe der Sektkellerei2013 02 01 Lesung Jan Seghers Bardong in Geisenheim gehört schon lange zu den Stammplätzen dieser Veranstaltung. Nicht was den Moderator und künstlerischen Leiter Heiner Boehncke und auch nicht was den Gast betrifft. Der in Frankfurt lebende Autor Jan Seghers war nicht zum ersten Mal eingeladen.

Die Überraschung war der Text, den Matthias Altenburg (so sein wirklicher Name) mitgebracht hatte. Es war ein unfertiger Text, ein Roman in Arbeit, am Anfang des Entstehens, oder wie Boehncke meinte, wie der 2012er Rheingauer Riesling im Gärungsprozess. Im Gegensatz zum Wein, der dieses Jahr noch auf die Flaschen gezogen wird, sei das Veröffentlichungsdatum des Krimis unbekannt, läge in weiter Ferne. Es sei vorweggesagt: Spannender und interessanter kann eine Lesung nicht sein.

Tatort Schwarzenfels

Gespannt war der Autor, wie das wirken würde, was er im stillen Kämmerlein geschrieben, was noch kein Lektorat durchlaufen und was noch nie vorgelesen wurde. Gespannt war das Publikum, welcher Fall Hauptkommissar Marthaler in dem neuen, langersehnten Krimi erwartet und ganz besonders der Moderator.

Denn Seghers war bei der Suche nach einem Handlungsort auf Schwarzenfels gestoßen. Schwarzenfels ist ein Ortsteil von Sinntal im Main-Kinzig-Kreis und der Geburtsort Boehnckes. Wie wichtig gerade dieses „Anfangs-Setting“ für ihn sei, betonte der Autor mehrmals. In entspannter und lockerer Atmosphäre erzählte er, wie er auf den Plot kam, also die Haupthandlung von „Die Sterntaler-Verschwörung“ (so der vorläufige Titel).

Das waren zum einen die Hintergründe und die damit verbundene Wirtschaftskriminalität im Zusammenhang mit dem Ausbau des Frankfurter Flughafens, zum anderen die Vorgänge nach der hessischen Landtagswahl 2008 und dem Scheitern der SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti sich zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen.

Jan Seghers ließ sich nicht überreden, mehr zu verraten, wenn Boehncke es auch immer wieder versuchte. Das sei alles noch nicht spruchreif. Da verrieten die Textpassagen, die er vorlas, wesentlich mehr. Die erste Szene spielt in einem Flugzeug, ein langjähriger Ministerpräsident, momentan nur geschäftsführend, kehrt von einer Auslandsreise zurück, und zwar genau in der Situation nach dem Wahl-Patt 2008.

Die zweite Passage spielt im schon erwähnten Schwarzenfels und ist dermaßen spannungsgeladen, dass es plötzlich totenstill wurde, kein Laut im Kellergewölbe zu hören war, außer der tragenden Stimme des Erzählers.

Ein künftiger Bestseller?

Ein erleichtertes Aufatmen ging durchs Publikum, als Seghers aufhörte und gleichzeitig ein enttäuschtes Stöhnen darüber, dass die Geschichte endete. Wenn das Buch das hält, was die beiden vorgetragenen Auszüge versprechen, dann kann es nur ein Bestseller werden.

05.02.2013 – GEISENHEIM

Von Richard Lifka

Jan Seghers stellt beim Rheingau Literatur Festival

Jan Seghers stellt beim Rheingau Literatur Festival seinen noch unveröffentlichten Krimi vor

Das Rheingau Literatur Festival ist immer für eine Überraschung gut. Nicht was die Lokalität anbelangt, denn das Kellergewölbe der Sektkellerei2013 02 01 Lesung Jan Seghers Bardong in Geisenheim gehört schon lange zu den Stammplätzen dieser Veranstaltung. Nicht was den Moderator und künstlerischen Leiter Heiner Boehncke und auch nicht was den Gast betrifft. Der in Frankfurt lebende Autor Jan Seghers war nicht zum ersten Mal eingeladen mehr

Gefundenes und Erfundenes

 

Wiesbaden . Viele wollten die Schriftstellerin Ursula Krechel sehen und lesen hören. Das war vorhersehbar. Hat sie doch 2008 mit ihrem Buch „Shanghai fern von wo“ den Durchbruch als Romanautorin geschafft und dafür unter anderem den Rheingau-Literaturpreis erhalten. Ebenso wurde ihr der Wiesbadener Lyrikpreis „Orphil“ verliehen. Ihr neuer Roman „Landgericht“, für den sie den Deutschen Buchpreis erhielt, spielt in Mainz. Also jede Menge Gründe, eine Lesung mit ihr zu besuchen.
Gut besucht
Die Ausstellungshalle des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst war dementsprechend gut gefüllt. Der Journalist Andreas Platthaus stellte die Autorin vor. Er sprach mit ihr über das „Landgericht“ und Krechels Recherchen zum Thema „das Elend in der Emigration und das Scheitern nach der Heimkehr“. Ebenso über ihre Suche nach der Erzählperspektive und dem Abwägen, wie viel Gefundenes ins Werk einfließen dürfe und müsse.
Das begann schon mit der Namensfindung für die Romanfiguren, beispielsweise für den Protagonisten Richard Kornitzer, der 1948 aus dem Exil auf Kuba nach Deutschland zurückkehrt und dessen Name zwar einen jüdischen Klang haben sollte, aber wiederum auch nicht zu deutlich.
Ursula Krechel berichtete, dass sie bereits 1980 anfing, sich für das Schicksal der aus Hitler-Deutschland nach Shanghai geflohenen Emigranten zu interessieren. Nach intensivem Forschen in Archiven, vielen Gesprächen mit Betroffenen und deren Nachfahren, habe sich das Material angesammelt, mit dem sie versuche, Dokumentarisches mit Fiktionalem zu verknüpfen und dennoch die Übergänge deutlich beizubehalten. Zunächst in Hörspielen realisiert, habe sie dann in „Shanghai fern von wo“ und besonders in „Landgericht“ die geeignete Form gefunden.
Schlechte Raumverhältnisse
Man hatte sich entschieden, dass Ursula Krechel nach der Gesprächsrunde eine lange Passage aus „Landgericht“ las. Keine gute Entscheidung. Unter den schlechten Verhältnissen in der Ausstellungshalle litt das Publikum ebenso wie die Autorin. Die Zuhörer versuchten sich mit ihren Winterjacken vor der Kälte, Ursula Krechel mit einem Schal ihre Stimme zu schützen. Bleibt die Frage, wofür Wiesbaden ein teuer renoviertes, wunderbares Literaturhaus hat, wenn Lesungen in einem kühlen, atmosphärelosen und mit bescheidener Akustik ausgestatteten Raum stattfinden. Die Begründung, dass die Nachfrage zu groß war, in der Villa Clementine weniger Plätze zur Verfügung stünden, zieht nicht. Jeder Raum hat seine Grenze. Wenn die Veranstaltung ausverkauft ist, ist sie das eben.
Der Roman „Landgericht“ wird als nächster Fortsetzungsroman in dieser Zeitung zu lesen sein.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.01.2013, Seite 18

Von Richard Lifka